Kurzaufenthalt in Kastoriá


Auf unseren spontanen Entschluss zur Verkürzung unseres Aufenthaltes in Prespa zugunsten eines zweitägigen Aufenthaltes in Kastoriá erfolgt eine ebenso kurzfristige und unkomplizierte Buchung einer Unterkunft ebendort. Der Vermieter wird uns in wenigen Stunden erwarten.
Doch zunächst sehen wir einer Fahrt durch eine traumhafte Landschaft entgegen. Kastoriá mit seinen 20.000 Einwohnern liegt auf 620 Höhenmeter, also immer noch in der Bergregion, nur rund zweihundert Meter unterhalb von Prespa. Die Strecke führt über die A15, durch eine grüne, zum Teil fast unberührt anmutende Landschaft. Auch hier ist Bärengebiet, wie man den Warnschildern entnehmen kann.


Nach dem Abzweig bei Koromiliá zieht sich die Strecke noch etwas bis zum See hinunter. Unsere Unterkunft befindet sich an der Uferpromenade (an der Megálou Aléxandrou). Die Wohnung bietet den Komfort, den wir in Psarádes vermisst hatten. Die Übergabeformalitäten sind schnell erledigt, und schon können wir zu einem Erkundungsgang unseres Viertels aufbrechen.
Je nachdem, wo man in der Stadt wohnt, benötigt man eine gute Kondition, da sich die Häuserreihen, wie in einem Amphitheater, steil hügelaufwärts ziehen.


Witzigerweise verfügt unser Haus über zwei Eingänge: der eine im Erdgeschoss auf Seehöhe, der andere, auf der anderen Hausseite, in der dritten Etage, mit einer ganz anderen Anschrift und eigenem Hauseingang auf dem höher gelegenenen Straßenniveau.
Geschäfte gibt es auch hier, ebenso wie an der Uferstraße mit ihrer großzügig angelegten Promenade und den vielen Lokalen, in denen man es sich gut gehen lassen kann.
Um diese Jahreszeit scheint es nur wenige Touristen zu geben. Fast alle kommen aus anderen Teilen Griechenlands, sind in etwas gesetztem Alter und in kleineren Reisegruppen unterwegs. Eine davon flutet lautstark genau das Lokal, in dem wir uns gerade niedergelassen haben. Doch wir finden noch ein ruhigeres Plätzchen und lassen den Nachmittag vorbeiziehen. Uns gefällt, dass es hier doch etwas lebendiger zugeht als am Prespasee. Den schönen Tag lassen wir, ebenfalls am Seeufer, in einer ruhigen Pizzeria ausklingen.




Am Morgen darauf können wir in einem Café direkt vor unserer Unterkunft ein ausgedehntes Frühstück einnehmen, bevor wir einen längeren Spaziergang entlang der Uferpromenade, in südlicher Richtung, unternehmen. Der Blick auf den ruhigen See ist unbezahlbar.




Kleine Bötchen dümpeln auf dem Wasser. Eines hat sich ein Vogelpaar ausgewählt, um an einer Seite, direkt auf dem Wasser, ein Nest zu verankern. Unermüdlich schleppt einer der Partner Material heran, das dann von dem anderen mit dem schon bestehenden Nest verwoben wird. Vielleicht liegen dort auch schon Eier, denn warum sonst sollte immer nur einer der Partner das Nest verlassen?
An einer anderen Stelle liegt ein langgezogenes, schmales Floß mit einer Schutzhütte, wohl ebenfalls als Brutplatz für die Vögel gedacht.


Da hinten schaukelt auch tatsächlich ein Krauskopfpelikan-Paar auf dem Wasser. Ansonsten sind es eher kleinere Vögel, die man beobachten kann. Fische und Schlangen scheint es im See ebenfalls zu geben.


Mächtige, alte Herrenhäuser säumen die Uferpromenade im ihrem weiteren Verlauf. Echte Hingucker in einem Wohlstand ausstrahlenden Viertel.


Besonders sticht das Papatérpou Herrenhaus, hervor, das 1880 – noch während der osmanischen Zeit (bis 1912) - erbaut wurde.


Das schicke Anwesen mit der halbrunden Terrasse, das wohl Privatzwecken dient, liegt an der Spitze des Zipfels, an dem die Megálou Aléxandrou in die Orestiádos übergeht.



Das Herrenhaus der Familie Skoútaris ist noch einhundert Jahre älter. Es stammt aus dem Jahr 1770.



Das renovierte Gebäude im Hintergrund (etwa Mitte des Fotos),
das Vergoúla Herrenhaus, beherbergt heute ein Hotel.


Über eine der nächsten Stichstraßen, die Riga Feréou, gelangen wir schließlich zur gemütlichen Platía Adelfón Emmanouíl (Brüder Emmanouil) und weiter in das Herz der Altstadt. Die Gebäude haben unverkennbar türkische Bauelemente. Einige sind in einem nicht mehr ganz so guten Zustand, die meisten jedoch wurden schön hergerichtet.






Auch Kastoriá hat, wie so viele andere Orte in Nordgriechenland, eine wechselhafte Geschichte unter verschiedenen Besatzern erlebt. „Unter der osmanischen Herrschaft steigt die wirtschaftliche Bedeutung Kastorias, vor allem durch das Pelz- bzw. Kürschnerhandwerk, erheblich an. Neben Siatista und Ohrid war Kastoriá regelmäßig auf Messen und Märkten zwischen Leipzig und Istanbul vertreten.“ (Wikipedia, Osmanische Ära)
Nach wie vor gibt es noch zahlreiche Geschäfte, die Kleidungsstücke aus Pelzen anbieten, obwohl die Pelztierzucht heutzutage aus Tierschutzgründen ja überwiegend verpönt ist. Hier scheint das nicht so zu sein.

1912 endete auch in Kastoriá die osmanische Ära. Anders als Komotiní wurde die damals multikulturelle Stadt jedoch direkt an Griechenland angegliedert und erlebte ab 1923 einen großen Bevölkerungsaustausch: Während Bulgaren und Türken die Stadt verließen, siedelten sich vermehrt Griechen (auch aus Kleinasien) an. Die recht große jüdische Gemeinde wurde im Laufe des Zweiten Weltkrieges auch hier fast vollständig ausgelöscht. (nachzulesen in der dt. Wikipedia zu „Kastoria“)

Auf unserem Rückweg bewölkt es sich immer mehr. Die angekündigte Regenfront scheint also nicht nur nach Prespa, sondern auch in diesen Kessel hier am See hineinzuziehen.






In Erwartung eines baldigen Regenschauers möchten wir unser Abendessen dann auch in der Nähe unserer Unterkunft einnehmen. Unsere Wahl fällt auf eine recht unscheinbare Psistaría (Grillrestaurant) am Seeufer, in unmittelbarer Nachbarschaft.
Da im Fernsehen ein wichtiges Fußballspiel laufen soll, ist das Lokal bald fast vollständig gefüllt. Das Publikum ist total gemischt: zwei ältere Frauen, die offensichtlich wegen des Fußballs hier sind; eine Männerrunde (jedes zweite Wort ist „Malaka“ - manche haben ihre Sprache seit der Pubertät offensichtlich nicht weiterentwickelt); eine Familie mit zwei Kindern, die sich schon auf die Pommes freuen; eine Runde Jugendlicher, die Burger und Cola vertilgen und am Handy daddeln. Passt alles prima zusammen. Und wir als Touri-Vertreter mitten drin, die sich einen Tisch voller unglaublich leckerer und preiswerter Gerichte munden lassen.
Während des Trubels setzt plötzlich ein starker, nicht enden wollender Regenguss ein und trommelt lautstark aufs Dach. Irgendwann tropft es sogar von einem der oberen Scheinwerfer im offenen Grillbereich, doch das wird ignoriert. Am Ende wollen wir nicht noch länger warten – wer weiß, wie lange der Regen noch anhält. Also sprinten wir die paar Meter zur Unterkunft und sind in Sekundenschnelle bis auf die Knochen nass, ebenso wie Schuhe und Kleidung. Bis morgen muss alles wieder trocken sein, denn dann fahren wir zu unserer letzten Station.

Viel besungenes Thessaloníki