Rundreise



Unser Auto haben wir in Armenistís gemietet, was gar nicht so einfach war. Mehrere Autoverleiher haben wir abgeklappert, bis wir auf Dimitris (LEMY Rent A Car) stießen, der uns noch für einen Tag ein Auto besorgen konnte.

Dimítris erklärt uns sehr freundlich anhand einer Karte einen Rundkurs, der aufgrund einer vor einem halben Jahr fertiggestellten, asphaltierten Straße in den Bergen nun möglich ist.

Diese Tour führt von Armenistís nach Evdhilos, von dort hinauf in die Berge über Akamátra, Dáfni nach Stavrí mit einem Abstecher nach Manganítis auf der anderen Inselseite und wieder zurück über Stavrí, dann weiter, an der Küste entlang, über Plagía, Xilosírtis nach Agios Kíríkos. Nach einer Pause möchten wir am Nachmittag zur zweiten Passüberquerung im Nordosten Ikarias aufbrechen, über Mavráto, Oxiá, Plomári und zurückkehren nach Evdhilos und Armenistís.
Die Strecke spart den südlichen Teil der Insel aus, der nach unserer Kenntnis besser mit einem robusteren Auto zu befahren ist, jedoch sehr schöne und reizvolle Ecken haben soll.


Beginn unserer Rundtour
Relativ schnell steigt die Straße hinter Evdhilos bergan, sodass man schon nach kurzer Zeit einen wunderbaren Blick über das Meer, größere Teile der Küstenregion und über die Hügellandschaft im Inneren der Insel genießen kann.




Ein betörender Kräuterduft hängt in der Luft und veranlasst uns, den Wagen immer wieder abzustellen, um nach frischem Oregano Ausschau zu halten.
Schon bald beginnen wir, unsere mitgebrachten großen Tüten mit erlesenen, stark und würzig duftenden Kräutern zu füllen: Thymian, Salbei und Oregano. Auch im Verlauf der weiteren Fahrt richten sich unsere Blicke nicht nur auf die Umgebung, sondern auch immer wieder auf den Straßenrand und das Stück dahinter, wo wir noch besseren Oregano vermuten.

Überhaupt sind die Ortschaften auf dem Weg zum Pass recht grün. Gärten wurden innerhalb der Dörfer und nahebei angelegt, wodurch man auf ausreichend vorhandenes Wasser schließen kann, im Gegensatz zu so manch anderer ägäischer Insel, auf denen in den Sommermonaten sogar Wasser per Schiff angeliefert werden muss.

In der zweiten Hälfte unserer Berganfahrt wird die Vegetation immer karger. Nur noch Macchia oder glattes Gestein gibt es in der Höhe. Auch schroffe Felsblöcke bestimmen nun das Landschaftsbild. Staunen über den noch größeren Felssturz, über die gewundene Straße bergab.


Hinter jeder Kurve verbirgt sich eine andere, atemberaubende Schönheit. Diesen Satz hat uns die Natur immer wieder entlockt. Doch auch andere Überraschungen erwarten uns unterwegs.


Bergab gelangen wir durch wenige Dörfer, die erahnen lassen, wie man früher lebte. Alte Steinhäuser, mit einer Giebelseite zur Straße hin, der Eingang jedoch meist hangabwärts und daher gut geschützt. Diese Bauweise ist vielleicht noch ein Relikt aus mittelalterlichen Zeiten, als man sich vor den Piraten versteckte, die die Bewohner damals aus der Küstenregion vertrieben hatten.
Die Dächer der Häuser sind mit Schieferplatten gedeckt und erinnern optisch stark an die Steindächer in den Zaghoriádörfern in Nordgriechenland, an der albanischen Grenze.


Manganítis, Seychellen, Thermá
Man könnte vermuten, dass Manganítis früher nur über das Wasser oder zu Fuß erreichbar war, denn die Straße, die von Stavrí hierher abzweigt, führt durch einen Tunnel, den es erst seit 10 Jahren gibt. Möglicherweise ist der Ort entstanden, um den Fischern in der kleinen, natürlichen Bucht Zuflucht zu bieten. Allerdings sehen wir keinen Grund, auszusteigen um hier zu verweilen.

In der Nähe des Tunnels gibt es eine Bademöglichkeit, die verheißungsvoll „Seychellen“ genannt wird, mit der Illusion von türkisfarbenem Wasser an einem hellen, feinkörnigen Sandstrand. Diesen haben wir von der Straße bei zweimaliger Vorbeifahrt jedoch nicht entdecken können, auch kein Hinweisschild. Wie wir später erfahren, muss man von der Straße aus noch eine kleine Fußstrecke bewältigen, um an diesen Strand zu gelangen. Fotos zeigen, dass es sich eher nicht um einen Sand- sondern Kiesstrand handelt. Bedingt durch die außerordentlich heißen Temperaturen am heutigen Tag beschließen wir jedoch weiterzufahren.

Auf der Suche nach einer weiteren Sehenswürdigkeit, den heißen Quellen bei Thermá Levkádos, die direkt am Strand sprudeln sollen, bleiben wir auf der Küstenstraße und passieren Xilosírtis. Die Vorstellung, bei ca. 40 Grad Außentemperatur in 50-60 Grad heißem Wasser zu baden, macht uns nicht wirklich glücklich.
Kristallklares Wasser auf dicken Kieseln und wenige Badende lassen uns glauben, dass es hier irgendwo sein muss, doch leider haben wir auch diese Stelle verpasst. Nicht unbedingt resigniert kehren wir schnell wieder in die relative Kühle unseres Autos zurück, lassen die Air Condition brummen und fahren nun geradewegs nach Agios Kírikos. Nach dem schönen Vormittag freuen wir uns schon auf eine Pause im Hauptort der Insel.

Die letzten Kilometer bergab liefern wir uns eine Wettfahrt mit einem Bus. Es geht nicht um die Geschwindigkeit, sondern vielmehr um die Tatsache, dass er immer wieder abbiegt und irgendwo dann vor uns wieder auf der Hauptstraße auftaucht. Er ist leer, kein einziges Mal erblicken wir einen Fahrgast. Auch geht aus keiner Aufschrift daraus hervor, wo der Busfahrer, der bei geöffneter Tür fährt, überhaupt hin möchte. Aber ein dickes Panathináikos-Schild quer über der Frontscheibe zeigt überdeutlich, welche Fußballmannschaft er verehrt.



Agios Kírikos
Die Bezeichnung „Stadt“ mag auf die Größe bezogen ein wenig übertrieben sein. Doch der beschauliche Ort heißt den Anreisenden, der die Fähre im Hafen verlässt, auf großen Lettern gleich neben der riesigen Ikarus-Flügel-Skulptur, herzlich willkommen.


Um uns zunächst einmal abzukühlen und etwas zu stärken, kehren wir in einer Taverne am kleinen Fischerei- und Jachthafen ein, die von zahlreichen Cafés eingerahmt und von Bäumen und dazwischen gespannten Sonnensegeln überdacht ist. Kalamária, Ziege aus dem Backofen, Tomatensalat und Vlítta in vollkommenem Olivenöl sowie gut gekühltes Wasser bringen die Lebensgeister wieder zurück. Junge Frauen bedienen uns sehr freundlich und zuvorkommend, eine Speisekarte scheint es nicht zu geben. Hier wird der Gast noch beraten!
An einem anderen Tisch sitzt eine Gruppe von jungen Männern, die Abendschicht, wie wir aus den Gesprächen heraushören.
Wir bleiben auch noch auf einen Nachtisch, einer taillenfüllenden Eisportion. Nach dem üppigen Mahl wäre zur Vervollkommnung der Situation eine Liege auch nicht schlecht. Immerhin wird uns von der Meerseite her eine kaum wahrnehmbare Brise zugefächelt. So lässt es sich auch auf den breiten, komfortablen, nicht wie sonst üblichen griechischen Stühlen eine Weile aushalten.

Im Hafen ist um diese Uhrzeit nicht viel los. Wie in fast jeder griechischen Kleinstadt nutzt man die heißen Sommernachmittage für ein erholsames Schläfchen, bevor der abendliche Trubel wieder beginnt.


Immer klarer schält sich im Nachmittagslicht die Inselgruppe von Fourni gegenüber aus dem Dunst und lädt durch die kurze Entfernung auf einen Besuch ein. Kleinere Fähren kommen im Hafen von Agios Kírikos an und legen auch wieder ab, eine macht sich auf den Weg, hinüber nach Fourní.


Eine Ortserkundung am späten Nachmittag führt uns durch einige Gässchen um den Hafen herum mit Geschäften für die Einheimischen. Insgesamt wirkt der Ort auf uns sehr freundlich und ruhig. Bei goldfarbenem Licht brechen wir auf unserem Rundkurs schließlich auf zu unserer zweiten Passüberquerung, diesmal im nördlichen Inselteil.


Bergüberquerung
An einer größeren Kreuzung hinter Agios Kírikos, dort wo man in die Berge abbiegt, steht ein großes Schild, auf dem ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass sich die Autofahrer an die Verkehrsregeln halten sollen. Den Grund haben wir während der Fahrt verstanden: sehr schmale Straßen mit zum Teil schlechter Oberfläche und zahlreichen, sehr engen Kurven (bis zu 180 Grad).


Ob man will oder nicht, an den besten Stellen kommt man über 50 km/h nicht hinaus, wenn man als Ortsfremder sicher ans Ziel gelangen will. Allerdings ist das Schild nur auf Griechisch geschrieben, woraus man schließen könnte, dass weniger die ausländischen Touristen angesprochen werden sollen als vielmehr die einheimischen Fahrer und griechischen Besucher.

Schon bald hinter Agios Kírikos steigt die Straße wieder bergan. Im Gegensatz zur ersten Bergüberquerung auf dem Hinweg begleiten uns jetzt auf dem ganzen Weg grüne Berghänge mit Wiesen und Weiden. Wir glauben beinahe, wir sind in der Schweiz.


Noch grüne, frische Kräuter mit würzigem Duft in unterschiedlichen Variationen lassen uns immer wieder anhalten. Hier finden wir auch den besten Oregano.
Bei der Passüberquerung fahren wir an einem größeren Militärgelände vorbei, das neben einem Windpark gelegen ist, der zumindest die nähere Umgebung mit Energie versorgen dürfte.
Wir sind begeistert vom Blick auf eine Kirche, die exponiert auf einer Hügelspitze erbaut wurde. Immer wieder schauen wir auf die glitzernden Strahlen der Nachmittagssonne auf dem Meer.


Nachdem wir schon wieder ein gutes Stück bergab gefahren sind, blicken wir zurück und uns stockt fast der Atem: In schwindelerregender Höhe erkennen wir einen Steilhang, der von Geröll und Felsbrocken übersät ist. Die Straße, über die wir gerade gekommen sind, ist auf abenteuerliche Weise mitten hineingezimmert, durchquert diesen Hang auf mittlerer Höhe. An der gefährlichsten Stelle ist sie zwar von unten zusätzlich durch einen Betonsockel befestigt, doch von unserem Blickwinkel aus betrachtet wirkt das ganze Gebilde so, als könnte sich jeden Moment Geröll lösen und donnernd alles unter sich begraben.

"Du," sagt Alex, "es war bestimmt keine Erfindung von Kazantzakis, als er seinen Aléxis Sórbas die Seibahn bauen ließ, um die Baumstämme vom Berg hinab zu transportieren. Bekanntlich ist das Wunderwerk ja dann 'auf bildschöne Weise' in sich zusammenkracht, was Aléxis Sorbas daraufhin ja zum Tanzen animierte. Schau dir das an. Die Griechen sind tatsächlich erfinderisch, haben von guter deutscher Wertarbeit keine Ahnung. Es sieht so aus, als würde es allerspätestens beim nächsten Erdbeben wie die Seilbahn von Aléxis Sórbas den Berg hinunterkrachen."

Auch andere interessante Details erwarten uns noch auf unserem Weg, wie auf natürliche Weise entstandene Formationen im Gestein, die wie hier einen "schlafenden Riesen" zeigen. Einfach bewundernswert, was die Natur erschaffen hat.




Rückkehr
Bei unserer Rückkehr in Evdhilos genießen wir das warme Abendlicht der bereits untergehenden Sonne über dem Hafen.


Am Ortsausgang gabeln wir noch ein jüngeres, griechisches Paar auf, das, gerade angekommen, nach Armenistís trampt. Sie freuen sich schon auf die Panighíria, die sie in den nächsten Wochen auf der Insel erleben möchten.
Nur kurz halten wir an, um die Mitfahrer auszuladen. So schnell wie möglich fliegen wir jetzt dem Sonnenuntergang in Nas entgegen. Die Zeit drängt. Schon hat sich der Horizont dunkel verfärbt, die Sonne selbst ist glutrot, als wir auf der Straße nach Nas anhalten, um dem Schauspiel in Ruhe zuzuschauen, so wie manch anderer auch.


Ein frisch gepresster O-Saft in einer der Tavernen von Nas lässt unseren Tagesausflug später wundervoll ausklingen, sodass wir beschließen, auf den noch für heute Abend geplanten Besuch in Chrístós Rachón zu verzichten und lieber an einem anderen Tag dorthin zu fahren.


Spontanes Mini-Panighíri in Armenistís
Zu unserer Überraschung scheint bei unserer Rückkehr nach Armenistís an der kleinen Mole ein musikalischer Event vorbereitet zu werden. Wir vermuten, dass am heutigen Tag sehr viele neue Touristen angekommen sind, denn im Ort wimmelt es von Menschen, die Tavernen sind alle besetzt. Auch unsere Pension ist restlos belegt.

Als wir uns in unserem Zimmer erfrischen, hören wir schon die ersten Töne der Musik und begeben uns auch bald hinunter zum kleinen Hafen. Die Musiker sollen ausgewanderte Ex-Ikarioten sein, die ihre Rückkehr in die Heimat feiern.


Ikariotische Rhythmen, getragen von einem Dudelsack, einer Violine, einer Tambour-Trommel und Gesang bringen gleich einige Tänzerinnen und Tänzer auf die betonierte Fläche an der Mole. Nicht wirklich ein gutes Parkett, doch was kümmern solche Lappalien den Tanzbegeisterten? Insbesondere ein junges Mädchen im Ringelshirt, das den Reigen anführt, lässt die Beine fliegen. Laut stößt sie Freudenschreie aus, als sie in die Luft springt, um anschließend in tief gebückter Haltung den Boden mit der Hand zu berühren.


Unsere Vermieterin hat es ebenfalls hierher gelockt. Breit lächelnd schaut sie den Tänzern zu und erfreut sich an der Musik. Auch viele Kinder sind da und haben ihren Spaß, einige springen kopfüber ins Meer. Andere laufen aufgeregt herum. Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen üben die ersten winzigen Schritte. Touristen wie Einheimische freuen sich an dieser spontan organisierten Musikdarbietung.


Zum Ausklang des Abends begeben wir uns in eine der Tavernen, in der auch die ältere Frau aus Athen, die wir nun schon öfter getroffen haben, zu Abend isst. Sie prostet uns mit ihrem Weinglas zu und lacht. Wir nehmen einen Tisch weiter Platz. Später, als sie im Aufbruch begriffen ist, fragt Alex sie, wo sie denn ihren Stock hat, den er ihr gerne reichen möchte, denn die Parkinson-Krankheit hat nicht nur Gestik, Mimik und Stimme, sondern auch ihren Gang gezeichnet. Insofern liegt der Gedanke nahe, dass sie zur Fortbewegung eine Hilfe benötigt. Die Dame beugt sich verschwörerisch vor und flüstert Alex ins Ohr: „Mädchen benutzen keine Stöcke!“ Dann verabschiedet sie sich lachend und verlässt – ohne Stock – das Lokal.

Christós Rachón