Wellen und Salz und ein
Ausflug nach Christós Rachón



Wellen und Salz
Im Laufe der Nacht ist das Wetter umgeschlagen; nach der schwülen, stillen Hitze hat der Wind merklich aufgefrischt. Mit 7 bis 8 Beaufort soll er in den nächsten Tagen in der Ägäis wehen. Schon von unserem Zimmer aus hören wir die Wellen an die Ufermauer klatschen. Das wollen wir uns aus der Nähe anschauen.

Vom Wind ist hier unten überhaupt nichts zu spüren, doch an den Wellenbewegungen des Meeres kann man die Veränderungen eindeutig feststellen. Tiefe Wellentäler nähern sich in Sekundenabständen der Ufermauer, am Ende der Hafenstraße, und brechen sich mit Karacho und Getöse auf den direkt vorgelagerten Felsen. Weiße Gischt spritzt nach oben, Salz bleibt auf der Brille hängen. Wie Spucke läuft das schaumige Wasser die Felsbuckel hinab. Gleich brandet die nächste Woge heran, noch höher als die vorherige, ein unentwegter Kreislauf.


Langsam stelle ich mich darauf ein, in zwei Tagen die Fähre nach Piräus zu besteigen und die Schaukelei eher mit einer Babywiege assoziieren zu wollen als mit einer übelkeitserregenden, siebenstündigen Überfahrt, und rede mir ein, dass das Meer sich nachts eh immer beruhigt. Wenn das mal gut geht.

Zumindest heute noch macht es mir Spaß, den anbrandenden Wellen zuzuschauen, die Wucht des Meeres zu spüren, jenes unberechenbaren Elementes. Nach der zerfließenden Hitze der Vortage empfinden wir ein wenig Erleichterung und beschließen, einmal zu dieser Felsspitze zu gehen, die etwa 100 Meter weiter aus dem Wasser ragt. Vielleicht kann man dort hinaufklettern.
Dazu müssen wir jedoch den Weg durch das Dorf nehmen. An der Kirche vorbei, rechts hinauf in Richtung Nas und schon haben wir einen Vorwand, einmal durch den Außenbereich eines der größeren Hotels zu schlendern, auf dem Weg hinunter zum Meer.

Der Poolbereich ist gut besucht, fast ausschließlich griechische Urlauber räkeln sich mit einem Drink unter den Schirmen. Von hier gelangt man geradewegs über wenige glatte Felsbuckel hinunter zum Wasser. Eben noch haben wir vom Hafen aus gesehen, wie sich vier Übermütige halsbrecherisch von den Felsen ins Meer gestürzt haben. Wahnsinn, bei dieser Brandung! Jetzt sind sie wieder gegangen, sodass wir ganz alleine hier sind. Die Felsspitze besteigen wir nicht, sondern lassen uns daneben auf den Steinen nieder, halten die Füße in einen Minitümpel, der sich durch aufspritzendes Salzwasser gebildet hat. Das lauwarme Wasser bringt jedoch keine wirkliche Erfrischung.


Auch hier können wir beobachten, dass die anbrandenen Wellen im Laufe der Zeit immer höher werden. Mit einem Mal klatscht eine Riesenwelle auf den Fels und überspült Alex, der sich etwas weiter nach vorne gesetzt hatte, fast zur Gänze. WOW!

Dorfauswärts hüpfen wir weiter über die Felsen, Alex mit triefnassen Kleidern, doch die trocknen bei der Hitze wieder recht schnell. In einem der Felsen finden wir einen Salzplatz. Man braucht nur etwas an der harten Oberfläche zu kratzen, und darunter kommt noch feuchtes, aber weißes Salz zum Vorschein. Gleich packt uns wieder die Sammelwut. Nachdem wir tütenweise Kräuter getrocknet haben, soll jetzt auch noch Salz mit nach Deutschland. Allerdings bezweifeln wir, dass die Wahl des Ortes so richtig gut ist, denn oberhalb der Felsen befinden sich ja die Hotels, und wer weiß, welche Gewässer sich sonst noch (z.B. aus den Pools) über die Felsen ergießen.

Später schaut sich Kyría Túla unsere beiden Handvoll Salz an und meint, die sollen wir mal wieder wegtun. Dann geht sie ins Lager, und kommt mit einem Kilo blütenweißem, groben Salz zurück. DAS sollen wir mitnehmen! Sie gingen im Frühjahr immer zu Plätzen, die weit außerhalb liegen und wo das Mineral ganz rein ist.
In deutschen Läden kostet Delikatesssalz in dieser Menge ein kleines Vermögen, und so bedanken wir uns einmal mehr sehr herzlich für die Gabe, die sie uns so freigiebig hat zukommen lassen.


Ausflug nach Christós Rachón
Nach einer kurzen Stärkung im Sandwich-Pita-Shop beschließen wir, doch noch einen Ausflug in die Berge in Richtung Christós Rachón zu unternehmen, denn das hatten wir uns die ganze Zeit über vorgenommen.
Es gibt eine Straße von Armenistís, die direkt dorthin führt. Fünf Kilometer sind nicht so weit, doch es geht stetig bergan.

Dem Busplan im Sacharoplastío ist zu entnehmen, dass um 14.10 Uhr ein Bus nach Ráches, wie der Ort auch genannt wird, fährt. Wie wir beim Einsteigen bemerken, handelt es sich um einen kostenlosen Gemeindebus, ein Service zum Wohl der Einheimischen, denn wir sind die einzigen Touristen im gut besetzten Bus.

Die Fahrt führt jedoch zunächst ins benachbarte Gialiskári, wo wir den Superpuma erlebt haben. Viele neue Fahrgäste steigen ein. So wie es aussieht, sind Frauen mit ihren Kindern und Enkeln auf ein Erfrischungsbad an die Küste gefahren und befinden sich jetzt auf dem Heimweg.

Langsam schraubt sich der Bus in die Berge, über Agios Políkarpos und Agios Dimítris nach Christós Rachón. Von halber Höhe aus kann man gut erkennen, wie die Brandung das Gesicht der Küste verändert hat. Auf die Strände von Messaktí und Livádhi rollen die Schaumkämme wie am Atlantik zu und bilden mit Sicherheit Strömungen, die nicht zu unterschätzen sind. Sowohl die Höhe der Wellen, deren Kämme sich teilweise schon auf dem Meer brechen, als auch ihre Dynamik sorgen dafür, dass das Baden heute zu einer nicht ungefährlichen Angelegenheit zu werden droht. Allenfalls in einer geschützten Bucht wird es sich aushalten lassen.

Zunächst führt die Straße durch baumlose und nur mit niedrigen Sträuchern bewachsene Hügel. Einzelne Baumstümpfe erinnern an einen Kiefernwald, den es vor wenigen Jahren hier noch gab, und der nach einem gewaltigen Brand Bauland gewichen ist. Das war zu einer Zeit, bevor das Gesetz verabschiedet wurde, dass nach Bränden das Land in den nächsten Jahrzehnten nicht als Bauland ausgewiesen werden darf.

Einige Tankstellen befinden sich auf dem Weg, überraschend, unerwartet, zum Wohl der Einheimischen. Bei den Dörfern stehen Olivenbäume. Unzählige Feigenbäume säumen die Straßen, Gärten sind in Terrassenform angelegt. Durch die schattigen Wälder erhascht man atemberaubende Ausblicke auf das stürmische Meer von hoch oben, das tiefe Blau, und auf Armenistís, an einen Hügel geschmiegt.

Nach einer halben Stunde erreichen wir Christós Rachón, den Bezirkshauptort, ein großes Dorf in den Bergen, von Wald umgeben, fest, belebt, mit allem, was zum Leben notwendig ist.

Zwei große Platanen überdachen einen luftigen Platz, zu dem wir gegenüber einer Schreinerei über eine kurze Treppe von der Straße hinaufgestiegen sind, und der sich gut zum Tanzen eignet!

Entgegen den Bildern eines während des Tages ausgestorbenen Ortes, als der Ráches auf verschiedenen Internetseiten beschrieben wird (wir hatten aufgrund dessen schon befürchtet, dass hier am Nachmittag überhaupt keine Menschenseele unterwegs sei), erleben wir das Dorf als genauso lebendig wie jedes andere griechische Dorf zu dieser Tageszeit.

Alle Tavernen und Geschäfte, auch Handwerksbetriebe, und die meisten Lokale sind geöffnet. Allerdings lassen die vielen leeren Sitzgelegenheiten in der Fußgängerzone um die große Kirche herum erahnen, dass abends und nachts hier tatsächlich sehr viele Menschen unterwegs sind.

Bei einem Streifzug, angefangen am Platanenplatz bei der Christuskirche (ob das diejenige ist, die mit den Steinen des Artemistempels von Nas erbaut wurde?), treten wir durch ein aus Schiefer konstruiertes Tor in diese Tavernen- und Lokalmeile ein, verlassen sie später durch ein ebensolches auch wieder. Die Straße ist schiefergepflastert, dasselbe Material, aus dem die alten Häuser bestehen und mit dem deren Dächer gedeckt sind. Heute sind die meisten Wohnhäuser eher modern in geschmackvollen Pastelltönen gestrichen.



Einem Schild am Ortseingang haben wir entnommen, dass die Kanalisation mit knapp drei Millionen Euro veranschlagt wurde, 75 % davon soll(t)en aus EU-Fördermitteln bezahlt werden.
Möglicherweise sind Strom und fließendes Wasser ebenso wie in anderen ländlichen Gebieten erst in überschaubarer Vergangenheit installiert worden.

Am Hang oberhalb des Ortes erkennen wir ein großes Gebäude, wir vermuten eine Schule. Auch eine (zahn)ärztliche Versorgung gibt es hier, ebenso wie die Post, einen Steuerberater und sogar einen ambulanten Pflegedienst.
In einem Lädchen mit vielen gerahmten Fotos, Skizzen und Bildern erstehen wir ein griechisches Gedichtbändchen mit sehr einfühlsamen Texten.
Von hier aus wird die Umgebung versorgt; hier, hoch oben in den Bergen, ist das Zentrum, nicht unten an der Küste. Diese Tradition mag noch aus der Zeit stammen, als die Küstenbewohner vor den Piraten ins Inselinnere flüchteten und sich fernab des Meeres, im Wald, wesentlich sicherer bewegen konnten.

Nach unserem Rundgang durch das Zentrum von Ráches und einige angrenzende Straßen stärken wir uns für den Spaziergang zurück nach Armenistís.

Über die Hauptstraße gehen wir vorbei an zahlreichen Wohnhäusern und Gärten. Im Unterdorf kommen wir zu einem weit ausladenden, schattigen Platz mit einem großen, alten Kafeníon, das leider geschlossen ist.


Von hier zweigt eine betonierte Straße in Richtung Armenistís ab. Dieser untere gemütliche Ortsteil von Ráches besteht aus kleinen, älteren Häusern, dazwischen gibt es aber auch einige Neubauten.

Eine Ruine schauen wir uns etwas genauer an, träumen von der Abgeschiedenheit des Lebens in den Bergen, von der Ruhe und Gelassenheit im Gegensatz zur Hektik, die unser Leben weitestgehend bestimmt. Doch wollten wir wirklich tauschen?


Zur späten Nachmittagsstunde sieht man viele Bewohner ihre Gärten bewässern. Eine nette Frau erzählt uns, dass das Wasser zur Zeit nicht trinkbar sei. Es gäbe irgendwelche Probleme mit dem Stausee.

Sie lebt ganzjährig hier, ist hier geboren, hat hier ihre Kinder zur Welt gebracht und aufgezogen und ist glücklich, hier leben zu dürfen. Man kann sich in der Tat glücklich schätzen, in dieser grünen, schattigen Oase unter den Pinien zu wohnen.
Die Menschen hier seien arm, sagt sie. Ihr Reichtum seien die Bäume. Ohne Bäume gäbe es kein Wasser und keine Erde, die Berge wären kahl. Und sie zeigt mit dem Arm auf den gegenüberliegenden Hang, wo es 1991 gebrannt habe. Das Feuer sei durch Fahrlässigkeit bei Schweißarbeiten an einer Wasserleitung entstanden. Es habe breite Landstriche bis hinunter nach Armenistís verwüstet. 1993 habe ein weiteres schlimmes Feuer in der Gegend gewütet, ein anderes 1984, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen.

Immer wieder sehen wir im Ort und auch außerhalb Schilder, die darauf hinweisen, auf keinen Fall ein Feuer in der Landschaft zu entzünden, und auf brennende Zigaretten Acht zu geben. Nicht auszumalen, was ein weiterer Brand alles zerstören könnte. Letztendlich geht es um die Lebensgrundlage der Menschen hier.

Erde ohne Bäume, Atem ohne Sauerstoff


Am Ortsausgang, ebenfalls mitten im Wald, erblicken wir eine alte Kirche, die der Panagía geweiht ist. Sie soll über zweihundert Jahre alt sein. Sicherlich ist am 15. August in diesem Ortsteil richtig was los!


Unseren Spaziergang durch den alten Kiefernwald bergab genießen wir in vollen Zügen, begleitet von überraschenden Ausblicken auf Felswände und in grüne Schluchten bis hinunter zum Meer. Bewirtschaftete Flächen, alte, leerstehende Schieferhäuser. Die Gefühle, die durch diese Schönheit hervorgerufen werden, können einen jeden zum Dichter machen.


Das warme Nachmittagslicht lässt die Landschaft golden erscheinen. Ziegen meckern in einer Schlucht, Bienenkisten sind am Straßenrand aufgestellt. Still und recht schnell passieren wir sie, ich ein wenig schneller als Alex. Feigenbäume säumen zuhauf den Straßenrand. Die süßen, reifen Früchte munden hervorragend, ihr Anblick übt auf Alex einen magischen Sog aus und er zitiert: "Von jedem Baum nur eine oder zwei Feigen. Auch hier wird man sich nicht falsch verhalten, wenn man nur soviel nimmt, wie in eine Hand passt." Das kenne ich auch aus Kreta. Einen Kilometer weiter meint Alex, nachdem seine Hände voll mit dem Saft dieser leckeren Früchte beschmiert sind: "Jetzt dürfen wir aber keinen Bienenstöcken mehr begegnen." In der Vorstellung, dass die Bienen schon angelockt durch den süßen Duft an seinen Händen auf ihn warten, ist sein Schritt merklich schneller geworden.

Nachdem etwa die Hälfte der Strecke bewältigt ist, erkennen wir, dass die Meeresbrandung nicht weniger geworden ist. Eine Fähre gleitet jedoch unbeeindruckt durch die Fluten. Ich fasse weiteren Mut für unsere Überfahrt.

Ziegen in kleinen Pferchen meckern herum. Auf der gegenüberliegenden Bettseite des Flusses, der in Armenistís mündet und an dessen Kante unser Weg vorbeiführt, blöken Schafe ganz erbärmlich, ein wahres Jammerkonzert. Bäääääääähhhhhh! Augenblicklich halte ich Ausschau nach einem freilaufenden Hütehund. Am liebsten würde ich mich gleich davonmachen, reiner Reflex, meine Erfahrungen sind wirklich einschlägig. Doch viel weiter oben sehen wir einen Hirten, den Hund an seiner Seite, der gemächlich die Schafe zusammentreibt.
Etwas unterhalb, auf der rechten Straßenseite, wurde eine Ziege geschlachtet, das Messer wird gerade gesäubert.

Nach weiteren famosen Blicken auf die Küste, die weißen Wellenkämme und die grünen Hänge gelangen wir wohlgemut zu den Häusern am oberen Dorfeingang von Armenistís. Jetzt freuen wir uns auf ein kühles Bier.



Panighíri - feiern bis der Arzt kommt