In jedem Reiseführer wird man als Tourist neben den vielfältigen Sehenswürdigkeiten der Altstadt (Sultanahmed) auch auf die Stadtteile aufmerksam gemacht, die auf der anderen Seite des Goldenen Horns liegen. ![]() Genau aus dieser Perspektive sprach man schon früher von dem Gebiet dort „drüben“ und nannte es auch genauso: Pera. Die heutige Bezeichnung Beyoğlu für den Stadtteil, der das frühere Pera mit einschließt, kam erst viel später auf. Wenn man von Sultanahmed über die Galatabrücke (Baujahr 1836) in den Bezirk jenseits des Goldenen Horns kommt, gelangt man zunächst in das auf Wasserniveau gelegene Karaköy, das frühere Galata. Schiffsanleger, Lagerhäuser, Museen, Kirchen, Moscheen, Synagogen ein Fischmarkt und Restaurants rücken auf dem engen Areal zusammen. Das weiter oberhalb gelegene Beyoğlu erreicht man entweder zu Fuß über steil ansteigende Straßen und Treppen oder in wenigen Minuten mit der unterirdischen Standseilbahn, dem sogenannten Tünel. Schon als genuesische Handelskolonie mag das Leben in Pera kurz nach seiner Gründung im 13. Jahrhundert vielfältig und international gewesen sein. Schulen und Krankenhäuser wurden errichtet. Ausländische Botschaften zogen hierher; auch heute noch ist dieser Teil der Stadt Sitz mehrerer Botschaften und Konsulate. Kam man früher per Schiff oder Karawane nach Pera, um Handel zu treiben, sind es heute viele Touristen, die von der İstiklâl Caddesi (Straße der Unabhängigkeit), die sich in einer weiten Rechtskurve quer durch Beyoğlu zieht, fasziniert sind. Mehrere Katastrophen wie Erdbeben und Feuer haben einen großen Teil der frühen Stadt Pera zerstört. Eine Ausnahme bildet der Galataturm, der 1348/49 errichtet und als Wahrzeichen weithin sichtbar heute als Aussichtsturm dient. Sein auffälliges Spitzdach erhielt er jedoch erst bei einer umfassenden Renovierung in den 1960er Jahren. ![]() Besondere Einschnitte in die Entwicklung des Stadtteils stellten die Pestepidemien ab 1347, ein sehr starkes Erdbeben (man schätzt 8,0 auf der Richterskala) im Jahr 1509 sowie das große Feuer von 1870 dar. Dieser Brand, bei dem mehrere tausend Häuser zerstört wurden, muss solch schlimme Ausmaße gehabt haben, dass selbst eine vergleichsweise kleine, regionale Zeitung im australischen New South Wales, der Queanbeyan Age, ca. zwei Monate später in einem längeren Artikel darüber berichtete. Am 5. Juni 1870 sei in Pera ein verheerendes Feuer ausgebrochen, schreibt die Zeitung, und hätte sich aufgrund des starken Windes sehr schnell ausgebreitet. Opfer der Flammen wurden die englische Botschaft, das amerikanische und das portugiesische Konsulat, das Naoum Theater, der Palast des armenischen Patriarchen, Kirchen, Moscheen, Häuser und Geschäfte. Die telegrafische Verbindung zwischen Pera und Europa brach kurzzeitig zusammen. Viele obdachlos gewordener Familien irrten durch die Straßen. Dort ansässige, wohlhabende Armenier, die diesen Sonntag aufgrund eines Feiertags auf dem Land verbracht hatten, fanden ihre Häuser bei ihrer Rückkehr zerstört. Italienische Arbeiter, die in einem der Bezirke wohnten, litten sehr, doch die englischen und armenischen Bewohner wurden am härtesten getroffen. Soldaten versuchten, die Menschen von den baufälligen Häusern wegzuhalten. Tote lagen auf den Straßen, ihre Zahl wird auf bis zu 1300 geschätzt. Fast 1000 Häuser im türkischen Viertel wurden für die Christen geöffnet. Den Opfern wurde seitens der türkischen Verwaltung Unterstützung und praktische Hilfe angeboten, sie erhielten Haushaltsutensilien und Möbel. Hohe Spendensummen waren zu dem Zeitpunkt bereits von hochrangigen Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt worden. Pera wurde wieder aufgebaut. Es ist seit jeher bekannt für seine westliche Ausrichtung, selbst zu osmanischer Zeit. Aufgrund der zahlreichen ausländischen Residenten und Minderheiten, die sich in Pera niederließen, war das Leben immer schon multikulturell geprägt. Sicherlich wird die Periode des Tanzimat, zwischen 1839 und 1876, diese Öffnung nach außen noch einmal besonders beflügelt haben. Tanzimat bedeutet soviel wie Neuordnung, und trug dem Umstand Rechnung, dass die Blüte des Osmanischen Reiches zu dieser Zeit bereits überschritten war. Zur umfassenden Erneuerung des Staatssystems wurden daher zahlreiche Gesetze und Verordnungen erlassen, man spricht sogar von einer Europäisierung. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist es bestimmt kein Zufall, dass ausgerechnet die İstiklâl Caddesi mit ihren Wohnhäusern und Geschäften nicht türkischer Eigentümer und Mieter besonderes Angriffsziel während des Pogroms in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 wurde, der sich insbesondere gegen die griechische Bevölkerung richtete. Dabei wurden viele Gebäude verwüstet; Glasscherben, Trümmer, zerstörte Waren, herumliegende Stoffballen und ausgebrannte Autos füllten die Avenue. Dieser Schock saß tief. Die vielen Rückschläge in der Vergangenheit durch Naturkatastrophen jedweder Art hatten die Menschen in diesem Stadtteil immer verwunden; er wurde jedes Mal wieder neu aufgebaut. In den Folgejahren des Pogroms jedoch verfiel der Bezirk, da viele der ehemals Ansässigen nach „den Ereignissen“, wie es offiziell hieß, das Land verließen; die ursprünglich über hundertzwanzigtausend in Istanbul lebenden Griechen sind über die Jahre fast alle emigriert. Erst seit den späten 1980er Jahren wurde nach einem Masterplan der Stadtteil Beyoğlu intensiv erneuert, was die Anlage von Bürgersteigen, die Restaurierung historischer Gebäude und die Wiederbelebung der historischen Bahn einschloss. ![]() Durch diese Maßnahmen erhielt die İstiklâl Caddesi ihren Charme zurück, was sich durch den jährlich millionenfachen Besuch von Touristen in barer Münze auszahlt. ***
Unser Ausflug nach Beyoğlu beginnt mit einer kurzen Fahrt mit der Metro (Tramvay) von unserem Hotel in Laleli nach Sultanahmed und über die Galatabrücke nach Karaköy. Ein Saz-Spieler, der von einer verlorenen Liebe singt, begleitet uns auf dem Weg aus dem Tunnel nach oben. ![]() Der Eingang zur Standseilbahn (Tünel) liegt etwas versteckt in der Nähe der Tramvay-Station. Für 5 TL (ca. 2,50 €) pro Person werden wir auf einer Strecke von rund sechshundert Metern Länge innerhalb von wenigen Minuten ca. sechzig Meter nach oben gezogen. Über fünf Millionen Gäste werden jährlich mit der modernen Bahn transportiert. ![]() Am Ankunftsbahnhof werfen wir noch einen Blick in den dunklen Tunnel, bevor wir zu unserer Erkundung der İstiklâl Caddesi aufbrechen. Das Wetter ist gut, nicht zu heiß, nicht zu kalt, ein schöner Frühlingstag. Eines der Gebäude am Bahnhof beherbergt das Galata Mevlevihanesi (Kloster bzw. Museum der Mevlevis), wo man Sema-Zeremonien von türkischen Derwischen, die diesem Orden angehören, beiwohnen kann. Doch wir biegen direkt ein in die İstiklâl Caddesi oder Grande Rue de Péra, wie sie früher auch genannt wurde. ![]() Eigentlich ist die İstiklâl Caddesi nur eine Fußgängerstraße mit vielen Geschäften, wie in fast jeder europäischen Großstadt. Und doch verspürt man diese besondere Wirkung, wenn der Blick entlang der hoch aufragenden Fassaden unterschiedlichster Stilrichtungen nach oben schweift und die vielen kleinen Details an den einzelnen Häuser und Prachtbauten wahrnimmt. Zum Teil sind es Schilder oder Gravuren, die auf die ursprünglichen Erbauer hinweisen oder besondere Verzierungen über den Eingängen, die den einzelnen Gebäuden ein charakteristisches Aussehen geben, wie zum Beispiel dem Narmanlı Han. ![]() 1831 erbaut, beherbergte der Narmanlı Han bis 1880 die russische Botschaft, ab 1914 auf seiner Rückseite auch ein Gefängnis. Später ging das Gebäude in das Eigentum der einflussreichen Narmanlı Familie über. Das Kellergeschoss wurde in der Folge von mehreren Zeitungsverlagen genutzt, in den Stockwerken darüber lebten bekannte Künstler, Schriftsteller und Komponisten. Wie muss es aus den geöffneten Fenstern herausgetönt haben, wenn man zu jener Zeit dort vorbeiging: das monotone Stampfen der Druckerpressen, die ihre Arbeit verrichteten, gepaart mit Klaviermusik, deren Harmonien erst im Entstehen waren; Unterhaltungen über Kunst und alle möglichen Ideen, über neue Erfindungen und vielleicht auch über Politik. ((Die Fantasie kennt keine Grenzen!))
Als Han bezeichnete man ursprünglich (zweigeschossige) Karawansereien, also Herbergen, wo man rasten, sich versorgen und Handel treiben konnte. Seit 1990 soll aus dem mittlerweile verlassenen Gebäude ein Hotel entstehen, seit 2011 wird es restauriert, doch die elf Investoren haben sich noch nicht auf eine endgültige Nutzung einigen können. So wie der Narmanlı Han erzählt jedes Haus seine individuelle Geschichte, eingebettet in die spannende Historie des gesamten Stadtteils. Viele schmale Gassen und Passagen zweigen von der İstiklâl Caddesi ab. Jede hat ihre eigene Bezeichnung, wie die Beyoğlu-Passage oder die Syrienpassage. ![]() Letztere wurde von einem Architekten namens Dimitris Vassiliadis erbaut. Ursprünglich wohnte man im ersten Stock und handelte mit Waren aus Nahost im Erdgeschoss. Zur Zeit unseres Besuches sind die heute dort ansässigen Geschäfte leider geschlossen. ![]() Andere Läden bieten das feil, was man sonst auch auf den Prachtstraßen Europas bekommt. Mit Dienstleistungen und Luxusartikeln, aber auch dem langweiligen, überall gleichen Sortiment der Global Player, dem man leider nirgendwo mehr entkommt, mit Nippes und Angeboten der originelleren Art hat die İstiklâl Caddesi für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas zur Auswahl.
Cafés und Restaurants locken mit Leckerbissen. Auch Bäckereien oder Süßigkeitengeschäfte versprechen Köstlichkeiten vom Feinsten. Rechterhand erkennen wir in einer Nische eine in Stein gehauene Madonnenfigur, die uns in diesem Rahmen zunächst etwas fremd erscheint. Sie steht über einem dreiflügeligen, schmiedeeisernen Tor. ![]() Dahinter führt eine Treppe hinab, an deren unmittelbaren Ende sich eine katholische Franziskanerkirche, die Santa Maria Draperis, befindet. Nach mehreren Zerstörungen durch Brände wurde die Kirche in ihrer jetzigen Form 1769 unter der Leitung des Architekten Guglielmo Semprini fertiggestellt. Ein vergoldetes, strahlendes Mosaik zeigt über dem Kircheneingang eine weitere Madonnenfigur. Das Thema setzt sich auch innerhalb der Kirche fort. Den Altar ziert ein Marienbild, das von Clara Bertola Draperis gestiftet wurde, von der die Kirche auch ihren Namen erhielt. Leider ist der Eingang bei unserem Besuch verschlossen. ![]() Nicht weit entfernt befindet sich auf derselben Seite die bekanntere der katholischen Kirchen auf der İstiklâl Caddesi. Das rote Gebäude der Kirche des Sankt Antonius von Padua leuchtet durch einen dreitorigen Eingang mit gotischen Spitzbögen, der zunächst in einen Innenhof führt. ![]() Unter der Leitung des italienischen Architekten, Giulio Mongeri (geb. 1873 in Istanbul), Absolvent der Akademie der Schönen Künste von Mailand (Brera), der nicht nur in Istanbul, sondern auch in Ankara und Bursa für etliche Gebäude verantwortlich zeichnet, wurde diese Kirche in den Jahren 1906-1912 nach gotischem Vorbild erbaut.
![]() Sandsteinstreben stützen das Kreuzrippengewölbe, hohe Buntglasfenster mit Spitzbögen lassen den Raum licht erscheinen. In der Apsis steht eine wunderschöne, schlichte Marienfigur, die von einem Strahlenkranz gekrönt ist. ![]() Mit dem Blick durch den Innenhof, wieder zurück in Richtung Fußgängerzone, erkennt man die feine architektonische Gestaltung der Erker und Arkaden der den Hof umgebenden Gebäude. ![]() Noch erheblich mehr hat uns jedoch eine orthodoxe Kirche beeindruckt, die der Panaghía Isodhíon geweiht ist und die wir eher zufällig am Ende einer Seitengasse zur İstiklâl (im Bezirk Galatasaray) gefunden haben. Wieder ein christliches Symbol, ein Kreuz, zeigte uns den Weg, einige Stufen hinauf in eine schmale Sackgasse, durch ein schmiedeeiseners Tor hindurch, rechts um die Ecke zu einer weiteren schmalen Gasse, in der ein Mann mit einem Wasserschlauch die Steinplatten des Durchgangs abspritzt und säubert. Linkerhand passieren wir die hellgelb getünchte, langgezogene Außenwand mit dem Eingang zum Vorraum der Kirche, gegenüber befinden sich die Wirtschaftsgebäude. Wir betreten den überdachten Vorraum, der mit Mosaiken und Gemälden geschmückt ist. Alex zündet eine Kerze an und steckt sie in den Sandbehälter. ![]() ![]() Zum Fest des Eintritts der Maria in den Tempel von Jerusalem (daher Isodhíon = „der Eintritte“), am 21. November, oder zu anderen besonderen Gelegenheiten, wie z. B. einer Priesterweihe, liest der Ökumenische Patriarch die Messe hier selbst. Als wir die eigentliche Kirche betreten wollen, finden wir sie jedoch verschlossen. Der Mann, der weiterhin eifrig die Platten säubert, ist ein Grieche, wie sich herausstellt. Auf unseren Wunsch nach einer Besichtigung tätigt er einen Anruf, und sehr bald kommt ein weiterer Mann mit dem Schlüssel und öffnet eines der schweren Portale. Uns offenbart sich eine unglaubliche Pracht. ![]() Zusammen mit einem jungen amerikanischen Paar, das ebenfalls eher zufällig hierher gelangt ist, bleiben wir ehrfürchtig zunächst in Eingangsnähe stehen und bewundern die Details. Säulen aus blank poliertem, grünem Marmor stützen das Gewölbe, das sich über den reich geschmückten Innenraum spannt. Das vergoldete Templon mit dem Strahlenkranz in der Mitte reflektiert das Sonnenlicht, das nur spärlich über die kleinen Luken an den oberen Wandabschlüssen einfällt. Wände und Decken sind üppig mit Gemälden ausgestaltet, die viele Heilige der orthodoxen Kirche abbilden. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Insgesamt verströmt diese Kirche einen Hauch von Vergangenheit. Doch so alt ist sie noch nicht, sie wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut. 2007 wurde eine zweijährige Renovierungsphase abgeschlossen, die insbesondere dem Erhalt der Bausubstanz, aber auch der Restaurierung der Innenausstattung unter Beibehaltung des ursprünglichen Charakters diente. Verwirklicht wurde das Projekt von einer Firma, die unter anderem auch Restaurierungsarbeiten in der Aghia Sofía (1991) ebenso wie im berühmten Café Pièrre Loti im Stadtteil Eyüp mit der Ausgestaltung des dazugehörigen Areals (1997) und die Sanierung einer 500.000 qm großen Fläche des südlichen Teils des Goldenen Horns (2003) durchgeführt hat. Panaghía Isodhíon ist ein echtes Juwel, was mit Sicherheit diesen hervorragenden Restaurierungsarbeiten zu verdanken ist. Wenn man sich diese so reich geschmückte Kirche betrachtet, kann man ermessen, in welchem Glanz einst die um ein Zigfaches größere Aghia Sofía erstrahlt sein muss. ![]() Lange verweilen wir hier, ergötzen uns an den vielfältigen Details. Erst nach einer geraumen Weile bummeln wir weiter, zurück über die Treppe zur İstiklâl Caddesi. In diesem schmalen Zugang befindet sich ein Café, das bei jungen Leuten sehr beliebt zu sein scheint. Man sitzt auf kleinen Stühlchen oder direkt auf den Treppenstufen und klönt und trinkt Tee zusammen. Hier ist richtig etwas los! Wir schlängeln uns durch die Sitzgruppen und schmunzeln über die Lässigkeit einer Katze, die auf internationaler Lektüre vor sich hin döst. ![]() Es ist nicht leicht, von der Stille des Kircheninnenraums in die quirlige Lebendigkeit des Istanbuler Lebens zurückzukehren. Doch weiter, in Richtung Taksim-Platz, setzen wir unsere Erkundung fort. Als sich die İstiklâl etwa in der Mitte der Strecke zum Galatsaray Platz weitet, passieren wir das riesige, schmiedeeiserne Tor des Galatsaray Lyzeums, einem Elitegymnasium, dessen Vergangenheit bis ins Jahr 1481 zurückreicht. ![]() Nur kurze Zeit später erreichen wir ein weiteres Highlight, die berühmte Blumenpassage (Çiçek Pasajı). Eröffnet wurde sie 1876, sechs Jahre nach der verheerenden Feuersbrunst in Pera. ![]() An dieser Stelle befand sich vor dem Brand das Naum Theater und Opernhaus aus dem Jahr 1844. Nach der Zerstörung finanzierte der osmanisch-griechische Bankier, Hristaki Zoğrafos Efendi den unter der Leitung des Architekten Kleanthis Zannos errichteten Neubau, der nun Cité de Pera hieß. ![]() Bis in die 1940er Jahre wurde in dieser Gasse hauptsächlich mit Blumen gehandelt, daher auch die bis heute erhaltene und gebräuchliche Bezeichnung Blumenpassage. Nach Erzählungen sollen sich verarmte russische Adelsdamen, die nach der Revolution 1917 ihr Land verlassen mussten, mit dem Blumenverkauf über Wasser gehalten haben. Wie muss es früher auf dem Markt geduftet haben! ![]() Renovierungen im Jahr 1988 und 2005 verliehen dem Komplex sein jetziges Aussehen. Heute beherbergt der Durchgang eine Vielzahl von Lokalen und Restaurants. Steile Treppen führen in die Kellergeschosse und müssen von den Kellnern ständig auf und ab bewältigt werden. ![]() Lichtdurchflutet und mit üppig verzierter Jungendstilfassade verströmt die Çiçek Pasajı ein entspanntes, kosmopolitisches Flair. ![]() ![]() Nach unserer Rast schlendern wir zum Ziel unseres Spaziergangs am Ende der İstiklâl Caddesi, dem Taksim-Platz, dem „Verteiler“. Die Bezeichnung stammt aus dem 18. Jahrhundert, als sich an dieser Stelle ein großes Wasserverteilsystem befand. Heute „verteilt“ sich ein Großteil des Istanbuler Verkehrs von diesem Platz aus. In der Mitte der weiten Fläche steht ein imposantes Standbild, das Denkmal der Republik aus dem Jahr 1928. ![]() ![]() Unter Atatürks visionärem Blick geht gerade eine große Polizeiparade zu Ende. Präsentiert werden Wasserwerfer, Körperpanzer, Schlagstöcke und Schilde. Ein riesiges Transparent, das auf den Event hinweist, bläht sich von der Wand eines angrenzenden, mehrstöckigen Gebäudes. Laute Musik beschallt noch immer den Platz, als sich die Polizisten in einer langen Reihe aufstellen, um sich zurück in ihre Stationen zu begeben. In einem Zelt gibt es noch eine Ausstellung zu besichtigen, doch danach steht uns nicht der Sinn. Vielmehr lockt uns der Duft aus einem mobilen Wägelchen, in dem der Besitzer Kastanien röstet. Nach dem Genuss einer kleinen Tüte köstlicher Maronen begeben wir uns wieder auf den Rückweg. Die İstiklâl zeigt sich jetzt, am späten Samstagnachmittag, als ein unendlicher Strom dichtgedrängter Menschen – Einheimische und Touristen. Man kann sich nur mit der Masse bewegen. ![]() ![]() Da wir nur langsam vorankommen, genießen wir nochmals die schönen Gebäude, deren Fassaden, Eingänge und Durchlässe. ![]() ![]() ![]() Nach einiger Zeit kommen wir wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt, der Tünel-Station. Bergab möchten wir jedoch nicht fahren, sondern zu Fuß gehen, denn unterwegs liegt unser nächstes Ziel: der Galata-Turm, von wo man aus knapp siebzig Metern Höhe einen guten Überblick über einen großen Teil der Stadt bekommt. In seiner langen Geschichte war der Turm Teil einer Befestigungsanlage, Gefängnis, Depot, Aussichts- und Feuerturm. So wie wir haben sich auch viele andere Besucher eingefunden und in einer langen Reihe aufgestellt. Nur langsam geht es voran. ![]() Vor uns wartet eine italienische Familie, die Mutter hat sich bereits auf eine Bank gesetzt, die Füße wollen wohl nicht mehr. Doch die Stimmung ist bei allen gut. Dieses Schmankerl will sich keiner entgegen lassen, auch wenn man über eine halbe Stunde dafür anstehen muss. Zum Glück werden unsere Befürchtungen zerstreut: Nicht zu Fuß muss man schier endlose Treppen erklimmen, sondern zwei Aufzüge bringen die Besucher nach Entrichtung des Eintritts (etwa 5 Euro) je im Fünferpack nach oben; nur die letzten beiden Wendeltreppen geht es dann zu Fuß hinauf, vorbei an einem Restaurant und schließlich zu einer Aussichtsplattform, die sich direkt unter dem Dach - noch nicht einmal einen Meter breit - um den Turm herumwindet. In Zweier- und Dreierreihen quetscht man sich aneinander vorbei. Die Plackerei lohnt sich, denn von hier hat man eine atemberaubende Sicht über die benachbarten Stadtbezirke, vor allem jedoch auf das Goldene Horn und den Bosporus bis hinüber zum Marmarameer. ![]() Wenn Sonnenuntergänge die Stadt in ein warmes, rotes Licht hüllen, wird man aus dieser Höhe sicherlich Impressionen der Extraklasse gewinnen, doch wie abgehoben muss die Aussicht erst des Nachts sein, wenn Istanbul im Lichterglanz erstrahlt? Der Blick auf das Goldene Horn, in Richtung Nordwesten, zeigt eine Wohnstadt mit Grünflächen am Ufer, Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Etwas weiter südlich, gleich neben der Galatabrücke, liegen die zahlreiche Ausflugsboote an ihren Ankerplätzen. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese Region um die Ausbuchtung des Goldenen Horns bis in die 1980er Jahre hinein noch eine riesige Müllkippe war. ![]() Auf der markanten Halbinsel, die die Altstadt beherbergt und von drei Seiten von den Wassern des Goldenen Horns, des Bosporus und des Marmarameers umgeben ist, schimmern die vielen Türme und Türmchen des Topkapı Palastes. ![]() Daneben prägen die beiden anderen monumentalen Bauten der Aghia Sofía und der benachbarten Blauen Moschee das Bild in Sultanahmed. ![]() ![]() ![]() Auf allen die Altstadt umgebenden Gewässern herrscht seit jeher reger Schiffsverkehr. Die Wasserstraße des Bosporus öffnete für die Europäer das Tor nach Osten, zum Schwarzen Meer, dem Kaukasus bis nach Russland hin, und dann weiter über die Seidenstraße bis nach China. Auf der anderen Seite fanden Reisende und Händler aus dem Osten Abnehmerländer für ihre Handelsgüter in der Ägäis, und über das Festland weiter nach Westen und Norden, tief nach Europa hinein, oder nach Süden, in die nahöstlichen Gebiete. Eine Drehscheibe für alle hier Ansässigen, Handeltreibenden und Reisenden. Daran hat sich nichts geändert. Kein Wunder, dass die Stadt so rasant wächst. Ihre Einwohnerzahl schätzt man zurzeit auf 15 Millionen. Schiffe aller Größen, Nationalitäten und Bestimmungen kann man vom Turm aus bewundern: ob kleine oder größere Ausflugsboote, Fähren oder Kaíkis von Fischern, die sich neben den Ozeanriesen der Kreuzfahrtschiffe oder Superfrachter wie kleine Nussschalen ausnehmen. ![]() Mit einem Blick über die asiatische Seite auf der anderen Seite des Bosporus bekommt man eine Idee über die riesigen Ausmaße der Stadt. Bei unserem ersten Besuch Istanbuls (2009) kamen wir auf dem Flughafen Sabiha Gökçen an, der auf jener Seite liegt. Mit einem Expressbus Richtung Hotel fuhren wir anschließend noch eine lange Zeit durch den asiatischen Teil der Stadt. Riesige, verschlungene Autobahnknäuel, Gewerbe-, Industriegebiete und Wohnbezirke kennzeichneten diese nächtliche Fahrt, insgesamt weniger einladend für einen touristischen Besuch - zumindest auf den ersten Blick. In Reiseführern angepriesen werden jedoch immer auch diejenigen Stadtteile auf der asiatischen Seite, die direkt am Wasser liegen, das auf Touristen eine magische Anziehungskraft auszuüben scheint. Am Bosporus sind es unter anderem Ortaköy, in der Nähe der Ersten Bosporusbrücke, mit seiner berühmten, gleichnamigen Moschee direkt am Wasser. Das Bild des Stadtteils Üsküdar (gleich gegenüber von Beyolğu), das in der Antike Chrissópolis (Goldene Stadt) genannt wurde, wird durch osmanische Bauten und Moscheen, die inmitten von modernen, größeren Wohngebieten liegen, geprägt. ![]() In dem angrenzenden Stadtviertel Haydarpascha befindet sich innerhalb eines Hafenareals der Haydarpascha Bahnhof, Start und Ziel für Nahost-Reisende und Ausgangspunkt der berühmten Bagdadbahn. Interessant wäre auch ein Ausflug nach Kadıköy, denn dieser an der Mündung des Bosporus ins Marmarameer gelegene Stadtteil wurde schon im 7. Jahrhundert v. Chr. als Kolonie der griechischen Stadt Mégara (zwischen Athen und Korinth) unter dem Namen Chalcedon (Χαλκηδών) gegründet und erlebte eine wechselvolle Geschichte. Heute leben in diesem weltoffenen Stadtteil, der auch den Fußballclub Fenerbahçe beheimatet, Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen zusammen. Mit Fähren kann man von mehreren Stellen des europäischen Ufers direkt in diese Stadtteile übersetzen. Als wir beim Betrachten der verschiedenen Seiten Istanbuls von unserem erhöhten Platz aus ins Träumen darüber geraten, was wir uns noch alles aus der Nähe ansehen könnten, wird uns bewusst, dass wir es in der verbleibenden Zeit unserer Reise nie und nimmer schaffen werden. Istanbuls Vielfalt wird noch weitere Reisen in diese unglaubliche Stadt erfordern. Es ist schon recht spät geworden, als wir unsere Turmumrundung mit vielen Stopps und Fotos abgeschlossen haben. Den Weg hinab zur Galatabrücke nehmen wir zu Fuß und stellen fest, dass die Entscheidung, für den Hinweg mit dem Tünel zu fahren, nicht die schlechteste war. Das Stück zwischen Beyoğlu und Karaköy gestaltet sich als sehr steil, was bergab jedoch eher den Kniekranken zu schaffen macht, als denen mit wenig Kondition. Unterwegs beschließen wir, in einem der zahlreichen Fischrestaurants, direkt unter der Galatabrücke, zu Abend zu essen. Ein türkischer Freund aus Istanbul, der in Deutschland lebt, hatte uns diese Restaurants wärmstens empfohlen, ein Muss für jeden Besucher, meinte er. ![]() Über eine Treppe geht es von der Brücke hinab bis fast zur Wasserlinie. Fast die gesamte untere Etage beherbergt auf der Länge der Brücke ein Restaurant neben dem anderen. Nur in der Mitte ist ein Durchlass für die Ausflugsschiffe. Kellner offerieren den Passanten freie Plätze. Gern lassen wir uns hereinbitten und umsorgen, denn der ganztägige Ausflug hat uns etwas geschafft. Wir nehmen draußen Platz, obwohl es mit dem sich neigenden Tag kühler geworden ist und machen große Augen, als man uns das reichhaltige Fischangebot mit einem Rollwagen direkt vor die Nase schiebt. Da uns die Wahl außerordentlich schwer fällt, entschließen wir uns zu einer Fischplatte für zwei. Mittlerweile hat sich der späte Nachmittag mit seinem goldenen Licht über die Stadt gesenkt. Von unseren Plätzen aus ist der Blick genau auf die Einmündung des Goldenen Horns in den Bosporus gerichtet. Ausflugsboote unterschiedlicher Art durchqueren jetzt zum Sunset-Viewing die Wasserstraßen. Auch unter der breiten Galatabrücke tuten und tuckern sie hindurch. Sie werden wohl während des ganzen Jahres zu tun haben, denn Istanbul ist zu jeder Jahreszeit sehenswert. ![]() Während wir auf das Essen warten, beobachten wir die Leinen der unzähligen Angler, die von oben, von der Brücke aus, herabhängen. Zappelnde Fische werden immer wieder hochgezogen, direkt an unserer Nase vorbei. Selten in meinem Leben habe ich so köstlichen, frischen Fisch gegessen, wie in diesem Restaurant! Wir schlemmen, was das Zeug hält. Im Gegensatz zu den Restaurantbesuchen der ersten beiden Abende, gibt es hier überhaupt nichts auszusetzen. Die Qualität des Essens, Menge, Preis, Bedienung und die Lage des Essplatzes runden sich zu einem besonderen Ganzen ab, das wir in vollen Zügen genießen und uneingeschränkt weiterempfehlen. Als wir später in Richtung Hotel aufbrechen, sind wir rechtschaffen müde. Bevor uns die Bahn zurück nach Laleli bringen soll, überqueren wir die Galatabrücke jedoch zu Fuß. Jedes Mal, wenn eine Bahn oder ein LKW darüber fährt, schwingt die gesamte Konstruktion. Angler tauschen sich aus, gefangene Fische schimmern in Wasserkübeln. ![]() Die Straßenbahn an der nächsten Haltestelle ist am heutigen Samstagabend so voll, dass wir nicht mehr hineinpassen. Auch in die nächste müssen wir uns hineinquetschen. Die Menschen gehen aus und feiern das Wochenende, während wir nach diesem herrlichen Ausflug müde in die Hotelkissen sinken.
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