Rückfahrt nach Quito


Nächster Tag, 8 Uhr. Der Bus zurück nach Quito sollte um 9 Uhr wegfahren und wir versorgten uns auf dem Markt noch mit etwas Proviant: Bananen, Wasser und einem Säckchen Bananenchips. Auf dem Weg zur Haltestelle kamen wir bei einem Fleischhauer vorbei, vor dessen Stand eine komplette schwarze Schweinehaut auf der Strasse lag. Diese wurde dann schnurstracks in den Markt geschleppt, um in Stücke geschnitten auf dem Grill zu landen.


Freiluftfleischhauer

Der Bus fuhr pünktlich ab, die Strandstrasse entlang an ein paar kleinen Fischerdörfern vorbei und bog Richtung Jipijapa ab. Der Bus sollte um 18 Uhr in Quito eintreffen, nachdem er aber in jedem kleinen Kuhdorf eine gemächliche Pause einlegte, würde sich das wohl nie ausgehen, worin wir auch recht behielten. Später erfuhren wir, dass es früher 2 Linien auf dieser Strecke gab, weil aber eine wegen eines schweren Unfalls liquidiert wurde, machten jetzt die Fahrer der nunmehr einzigen Linie was sie wollten und das beinhaltete auch ausgiebige Pausen mit Schwätzchen mit Verwandten entlang der Strecke. Der Trockenwald wurde wieder grüner und tropischer, die Gegend hügelig, die Landwirtschaften und Weiden wurden mehr und viele Fischteiche waren zu sehen. Immer mehr sahen wir auch teils riesige, moosgrüne Ceiba-Bäume, die in Ecuador nur hier in dieser Gegend vorkommen.


Ceiba-Baum

Im Busterminal in Jipijapa stürmten Verkäufer den Bus und boten Huhn mit Reis an. Das war uns ein wenig zu üppig als Frühstück und wir kauften Yuccabällchen, die man in Ecuador gerne mit Trinkjoghurt zu sich nimmt. Wir entschieden uns aber zu flüssigem, kaltem Vanillepudding aus Hafermark. Nachdem wir hier schon auf die Toilette gingen, konnten wir uns 1 Stunde später das volle Unterhaltungsprogramm geben, das uns erwartete, als wir im Busterminal in Porto Viejo eintrafen. Kaum hielt der Bus an, enterte eine Horde ambulanter Verkäufer den Bus. Wir hatten schon viel gesehen, aber so etwas noch nicht erlebt und ich notierte die Reihenfolge der angebotenen Waren:

Wasser, Sonnenbrillen, Huhn mit Reis,
Ringe und Uhren, Taschenlampen,
dann kam der CD-Mann, ein weiterer mit Zahnbürsten und Vorhängeschlössern
Scheren, Videos, Kokosmilch,
Softdrinks samt Becherchen zum Austeilen, wieder Kokosmilch und Kokosnüsse, Massagegeräte, Hängematten, Spielsachen,
Wundermittel gegen alles mit Bildern von Leuten die dadurch geheilt wurden und abschreckenden Bilder von Leuten die nicht gekauft hatten,
Geschirrtücher, Topflappen, Kokoskonfekt,
Kokosmilch, Socken, T-Shirts,
ein Behinderter mit der Bitte um eine Spende, Huhn und Reis,
Unterhosen und Socken, Ringe und Uhren, Wasser.

Abfahrt. Die absolut letzten Verkäufer drangen noch ein mit Huhn und Reis und Kokosmilch, der allerletzte Verkäufer sprang noch rechtzeitig vor Verlassen des Terminals ab und vorbei war die Show. Und das alles wurde innerhalb von 20 Minuten geboten, es war wie im Theater.

Die Landschaft wurde wieder ebener und die Kuhweiden mehr. Kanäle und überflutete Reisfelder boten vielen weißen Reihern ein zuhause, das sie eifrig nach Fröschen durchsuchten. Teiche waren bewuchert mit fliederfärbig blühenden Wasserhyazinthen.


Es folgten unter Kokospalmen angelegte Kakaoplantagen, für die die Provinz Manabi bekannt ist. Durch kleine Dörfer und weitere Felder sowie durch Pfefferplantagen führte die Straße nach Santo Domingo de los Colorados (600 m Seehöhe, Tropenwald), Heimat des Indiostammes der Tsáchila, die dort eine Schausiedlung mit Führung anbieten. Wir hatten vorgehabt auszusteigen, aber an diesem Tag war Markttag und daher keine Führung vorgesehen.
Meine Tochter war jedoch bereits 3 Wochen zuvor im Zuge eines Familienbesuches dort gewesen und erzählte folgendes:

„Zuerst erklärte man uns die "Schwitzkammer", eine Natursauna, wo man in einem kleinen Eckerl einer einfachen, halb offenen Hütte sitzt und in der Mitte des Halb "pavillons" ist ein Lagerfeuer mit Steinen drin und einem Topf, in den "Heilkräuter" eingelegt sind. Vor dem Sitz im Eck ist ein Loch im Boden (ca. 30x30cm und auch so tief) wo zuerst der "Heiltee" hineingeschüttet wird und dann alle 5 min ein heißer Stein aus dem Feuer dazukommt, was dann natürlich ziemlich dampft. Die Person, die dort das Heilritual genießt, wird zuvor noch mit einer Decke zum Wandeck hin abgeschlossen, damit der Dampf aus dem Loch eben nur in die "Kammer" aus Wand und Decke zu der nackten Person kommt.

Dann hat man uns ein Naturtatoo gemacht... aus einer Frucht mit einem Stab das farblos/transparente Fruchtfleisch auf die Haut aufgetragen und dann nach 1 Stunde hat es sich schwarzbläulich verfärbt und blieb fast 2 Wochen zu sehen.
Es folgte eine Erklärung über bestimmte Pflanzen, Samen, Rinden und Wurzeln sowie deren Heilkräfte und Rituale und eine Erklärung über die Bedeutung der Achote-Frucht, deren rote Kerne benützt werden, um die Haare (nur die der Männer) einzufärben und sich rote Tatoos zu machen (neben der anderen Tatoofrucht in schwarz). Außerdem hat die Achotefrucht irgendwann einmal einen Stammesmann von irgendeiner bösen Krankheit geheilt und deshalb ist die Frucht und die Farbe Rot für sie so wichtig und heilig. Rote Samen und überhaupt die Farbe Rot bringt laut ihrem Glauben Glück und beschützt vor Bösem. (Busfahrer der Gegend sind nicht so glücklich über diesen Brauch der roten Haare, denn Passagiere dieses Stammes machen die Stoffe der Sitze im Bus schmutzig, weil das rote Zeug nicht farbecht ist.)

Auch der Haarschnitt der Männer soll an eine Achotefrucht erinnern. Die Männer haben auch manchmal eine kleine "Krone" mit baumwollähnlichen Wattebäuschen auf. Die Kleidung der Indios besteht aus einem Rock aus gewebtem dicken Stoff. Die Frauen ziehen bunt gestreift an, die Männer schwarz/blau-weiß gestreift, was an die schwarz-weiße Marmorierung der "X-Schlage" - die giftigste - erinnern soll. Bei der Gelegenheit wurde uns auch der Antidotstrauch gegen das Schlangengift gezeigt. Danach gab’ s eine Vorführung der typischen Instrumente und ein Musikstück inklusive Tanz.
Zum Schluss ging’ s dann zum Souvenirladen, wo auch Webstöcke zu besichtigen waren und eben Webstoffröcke, -gürtel, Schmuck, Heiltinkturen und sonstige Handwerkssachen zu verkaufen waren.“

Wir waren jetzt immer noch 3 Stunden von Quito entfernt und es war schon 18 Uhr geworden. Entlang eines hübschen Flüsschens ging der Weg weiter die Berge hoch durch einen tropischen Nebelwald. Wegen des Nebels war nicht mehr viel zu sehen, auch brach die Dunkelheit herein, aber einer der letzten Anblicke draußen war ein großer Baum, der über und über mit weißen, beweglichen Blüten bedeckt war, die aber doch keine Blüten waren, sondern tausende weiße Reiher, die sich in diesem Baum einen Schlafplatz gesucht hatten. Steil fuhr der Bus in Serpentinen die Anden hoch Richtung Quito. Es wurde rasch stockdunkel und die entgegenkommenden LKWs und Busse waren teilweise beleuchtet wie der Coca-Cola-Truck im Weihnachtswerbefernsehen und bunte Blinklichter erinnerten an Diskobusse.

Eine Deutsche, die im selben Bus reiste, redete meine Tochter an, weil sie selbst nicht spanisch sprach und bat um Nachfrage beim Fahrer wie lange es denn noch dauern würde, sie müsste dringend zum Flughafen, weil sie heute noch nach Hause fliegen würde. Gescheite Auskunft gab es natürlich keine, nur ein unverbindliches Schulterzucken und genau 10 Minuten später wurde die schlussendlich letzte Essenspause bei einem „Gasthaus“ mit Straßengrill eingelegt. Diesmal ließ sich der Fahrer sogar genüsslich bei einem Tisch nieder und bestellte gegrillte Schweinehaut mit Mayonnaise und gebratene Hühnerfüße.


Hühnerkrallen, Gedärm und Schweinehaut am Grill

Wir haben dankend darauf verzichtet und uns lieber einen schönen Obstsaft mit Mango und Ananas beim Nebenstand geholt. Weil wir den Saft aber mitnehmen wollten und kein Plastikbecher vorhanden war, füllte man uns das Getränk kurzerhand in ein Plastiksackerl mit reingestecktem Strohhalm, das fest zugebunden wurde und schon war der Saft-to-go fertig. Man muss sich nur zu helfen wissen.
Die Deutsche wurde immer nervöser und zappelte auf und ab. Es war schon 20 Uhr, der Weg sollte noch etwa 1 Stunde oder so dauern, das Busterminal befindet sich im Süden der Stadt, der Flughafen aber im Norden eine weitere Stunde entfernt und um 21.30 Uhr sollte sie dort sein. Endlich bequemte sich der Fahrer ans Steuer und der Bus keuchte weiter den Berg hinan. Im Terminal angekommen stürmten wir mit ihr hinaus. Ein im Bus anwesender Indio, der in einem Reisebüro arbeitete und von einer freiwilligen Hilfsaktion von der Küste zurückkam und auch Englisch sprach, stürmte mit und wir suchten die Taxis auf der Vorderseite des Terminals auf. Er vereinbarte einen hervorragenden Preis für die dringende Fahrt zum Flughafen mit dem Fahrer, wir wollten die gute Frau hineinsetzen, da fiel ihr plötzlich ein, daß sie noch dringend eine rauchen müsste. Plötzlich hatte sie es nicht mehr so eilig.
Die spinnen die Römer, dachte ich mir, da hätten wir auch nicht so hetzen müssen. Wir liessen sie also stehen und fuhren mit dem Bus nach Hause. Gegen 11 Uhr fielen wir ins Bett nach einem anstrengenden Tag mit viel Lokalkolorit und nahmen uns vor den nächsten Tag freizunehmen und uns zu entspannen.

Quito