Málaga
> Altstadt, Picasso-Museum, Gibralfaro <


Nicht nur in Sevilla und Granada gibt es eine gut erhaltene Altstadt, sondern auch in Málaga. Neben den Sträßchen in einer Fußgängerzone locken die Alcazaba und das Castillo de Gibralfaro, Wohnsitze der Herrscher vergangener Jahrhunderte, sowie ein römisches Theater. Vielleicht schaffen wir es später noch dort hinauf. Doch zunächst steht der Besuch des Picasso-Museums auf dem Programm. Es liegt mitten in der Altstadt. Bis zum Einlass ist noch etwas Zeit; die Tickets haben wir kurzfristig vorab gebucht.

Wieder bringt uns der 14er Bus zunächst zum Parque de Málaga, der in unmittelbarer Nähe zur Altstadt liegt und dem wir erneut einen Besuch abstatten möchten, so gut hat uns die Vegetation dort gefallen. Im späten Morgenlicht leuchten die Jacaranda-Bäume, dass es nur so eine Wonne ist. Man kann sich einfach nicht satt genug an ihnen sehen. Bald jedoch schon wird ihre fliederfarbene Pracht für dieses Jahr vorüber sein, denn nur für wenige Wochen, von Mitte April bis Mitte Mai, stehen die Bäume in voller Blüte. Mancherorts bedecken sogar schon verwelkte Blüten die Bürgersteige. Was für ein Glück wir hatten, genau zur richtigen Zeit hier zu sein, um diese Pracht bewundern zu dürfen.
Auch die großflächigen Blätter der anderen Grünpflanzen im Park glänzen fett in den Sonnenstrahlen, die durch das grüne Dach fallen. Diese üppige Vegetation repräsentiert eine ganz andere Pflanzenwelt, die man so gar nicht mit einem öffentlichen Stadtpark in Verbindung bringt. Es ist, als ob man kurzfristig eine Reise an einen anderen Teil der Erde unternommen hätte.
So langsam wird es Zeit, sich zum Picasso-Museum zu bewegen. Leider gibt es heute mit der Internetverbindung große Probleme, schon mehrmals war sie für längere Zeit unterbrochen, sodass ich keinen Zugriff auf Maps habe, um den Weg ohne Fragerei zum Museum zu finden.

Den Park verlassen wir in Richtung Plaza de la Marina. Wie der Name suggeriert, gelangt man auf der anderen Seite des Platzes direkt zum Hafenareal. Auf der offenen Fläche sehen wir Skulpturen und einen Brunnen. Auch eine Touristeninformation hat man an diesem zentralen Ort platziert. Zwischen auflockernden Pflanzeninseln unterbrechen auch flache, kurze Treppen die ebene Fläche. Unter einer Baumreihe warten schon Pferdekutschen auf die Touristen.




Blickt man auf die gegenüberliegende Seite der Hauptstraße, die an diesem Platz vorbeiführt, ziehen drei mehrstöckige Gebäude, die in ihrer Außengestaltung eine Einheit bilden, die Aufmerksamkeit auf sich. Zunächst tippe ich auf eine Behörde, doch beim näheren Hinsehen scheinen dort einfach nur Wohnungen und im Erdgeschoss Geschäfte untergebracht zu sein.


Rechts geht es nun an diesen Gebäuden vorbei, durch die Geschäftsstraße Calle Molina Lario zur Altstadt. Eindrucksvoll verzierte, hohe, renovierte Gebäude begleiten unseren Spaziergang durch die blitzsaubere Fußgängerzone. Dazwischen sorgen immer wieder kleine, grüne Oasen mit Sitzbänken für ansprechende Blickwinkel, vor allem zusammen mit der wuchtigen Santa Iglesia Catedral Basílica de la Encarnación, oder einfacher: der Kathedrale von Málaga.




Ihr gegenüber steht ein sehr prachtvolles Gebäude mit barocken Elementen, das in gelb-roter Farbe erstrahlende Centro Cultural Fundación Unicaja Málaga, früher Bischofssitz, heute Kulturzentrum, mit wechselnden Ausstellungen und anderen Veranstaltungen.


Nach zwei Abzweigungen durch schmalere Gassen sehen wir nun die Schlange, die sich vor dem Picasso-Museum, in der Calle San Augustin, gebildet hat.
Gerade als ich fragen will, ob wir eventuell schon etwas früher hineinkönnen, erhalten wir – wegen der offensichtlichen Gehbehinderung meiner Mutter – sofortigen Einlass, womit ich nun wirklich nicht gerechnet habe. Vor uns wird noch eine Gruppe von Rolli-Fahrern abgefertigt, dann können auch wir hinein. Die Tickets haben wir, wie schon zur Kandinsky-Ausstellung, zum Nulltarif bekommen, denn der in Deutschland ausgestellte Schwerbehindertenausweis gilt auch hier in Spanien.

Die Ausstellung mit 144 Werken des in Málaga geborenen Meisters wird im ehemaligen Palacio de Buenavista und dessen Anbauten auf zwei Ebenen präsentiert. Überall positionierte Wärter sorgen für eine sehr gediegene und respektvolle Atmosphäre im Museum. Sie geben nämlich nicht nur darauf Acht, dass nichts angefasst wird, sondern weisen darauf hin, dass auch lautes Reden nicht erwünscht ist. Gruppen sind zu unserer Besuchszeit zum Glück keine unterwegs. So haben alle Besucher genügend Zeit für die Betrachtung ihrer jeweiligen Lieblingskunstwerke.
Zwischenzeitlich kann man auf den Sitzgelegenheiten im Innenhof auf beiden Etagen das Gesehene etwas „verdauen“, bevor man die nächsten Räume betritt.


Skizzen, großflächige Fotos aus Picassos Ateliers, Skulpturen und natürlich sehr viele seiner Gemälde werfen einen Blick auf bestimmte Aspekte seines Schaffens. Im Unterschied zu einer Unterteilung der Werke eines Künstlers in anderen Museen, wie etwa eine chronologische Zeitabfolge oder die künstlerischen Phasen des Schaffens, will diese Ausstellung all das miteinander verbinden. „Aus diesem Grund stellt die Auswahl und Gegenüberstellung der in „Pablo Picasso: Strukturen der Erfindung. Die Einheit eines Lebenswerks“ gezeigten Werke diese Segmentierung in Frage und verbindet die verschiedenen Phasen von Picassos Karriere. ...…) Ziel ist es, Picasso als kreatives Ganzes zu betrachten.“ (Museo Picasso Malaga, Pablo Picasso Structures of Invention)

Einer dieser Aspekte widmet sich in großem Maße der Darstellung von Frauen. Ob streng blickend oder mädchenhaft; nur als Kopf; nackt, in ihrer Körperlichkeit betont und barbusig oder sittsam, in einem weiß-blauen Kleid (Sitzende Olga – eine seiner Musen); mit gekreuzten Armen oder als Grazien; als Skulptur stehend und mit dem Ellbogen angelehnt oder feierlich in einem Sessel sitzend - immer wieder scheint die Auseinandersetzung mit den Frauen Picasso zu neuen Überlegungen und Ausdrucksformen ihres Facettenreichtums inspiriert zu haben.
Die Skulptur einer „Schwangeren“, nur aus Armen, Beinen und dem Schwangerschaftsbauch (eine Kugel in der Körpermitte) bestehend, kann auch als Provokation empfunden werden. Denn dieses Mal fehlt der Kopf. Vielen Dank für dieses Frauenbild, lieber Pablo! Oder übertreibe ich jetzt?

Nur wenige Männerporträts sind mir in Erinnerung, darunter ein Männerkopf mit einer Eiscreme-Waffel und verschiedene Musketiere.
Ein weiteres Kapitel der Ausstellung behandelt die Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Franco-Diktatur sowie die Jahre danach. Diese Gemälde sind düster, in schwarz-weiß, mit dicken, schwarzen Pinselstrichen und Balken. Picassos Verfassung war zu der Zeit wohl rabenschwarz.
Im Gegensatz zu der dunklen Epoche bejahen die Bilder danach das Leben wieder in sehr farbenfrohem Ausdruck. Am Ende dann kann man eine Sammlung einiger seiner berühmtesten Werke bewundern - alle in großer, bildlicher Darstellung.
Im Museumsshop schlagen wir abschließend richtig zu und erstehen Kunstdrucke, ein Buch und anderes. Schöne Erinnerungen, geschmackvoll gestaltet und nicht kitschig, wie ich finde!

Im Nu sind anderthalb Stunden vergangen. Gleich neben dem Museumseingang befinden sich in der schmalen Gasse ein paar Restaurants. Eines davon ist das Julia Restaurante. Im Außenbereich gibt es noch genügend freie Tische, was sich aber aufgrund der begrenzten Anzahl schnell ändern kann. Ganz hinten, an einer Mauer, im Schatten, lässt es sich nach dem Museumsbesuch wunderbar aushalten.
Wir werden auch gleich bedient (was wir auf unserer Reise ja nicht überall erlebt haben). Der bunte und sehr üppige „Julia-Salat“, der sehr appetitlich angerichtet auf einem großen Pasta-Teller serviert wird, zieht neugierige Blicke der Tischnachbarn auf sich. Ich werde sogar gefragt, welcher Salat es denn sei, und der wird dann gleich ebenfalls bestellt.
So mümmeln wir eine ganze Weile gemütlich an unserem Grünzeug herum. Die Atmosphäre wäre so schön, wenn sich nicht schon wieder Musikanten vor uns aufgebaut hätten, um mit Geige und Quetschkommode „stilecht“ irgendetwas Spanisches zu spielen. Nach zwei Liedern ist zum Glück Feierabend. Kaum sind sie abgezogen, platziert sich schon der Nächste, doch einer der Wirte vertreibt ihn missmutig. Wenig später kommt ein weiterer mit Gitarre, der Südamerikanisches darbietet, ein wundervolles Lied, das ich von Ibrahim Ferrer und Omara Portoundo kenne. „Quizas“ ist so herzergreifend, doch der Musikant vor uns hat weder die Stimme dazu, noch trifft er die Akkorde auf dem Saiteninstrument. Wie kann man ein so wundervolles Lied nur so grausam verhunzen?
Gerade, als er weitergezogen ist, baut sich eine ältere stämmige Frau vor unserem Esstisch auf, um uns irgendwelche Lotterie-Lose anzudrehen. Nach meinem klaren ‚No‘ schmettert sie wutentbrannt einen freien Stuhl in die Ecke und zischt unter lautem Geschimpfe wieder ab. Was war das denn? Ich ahne, dass meine Mutter und ich, zwei Frauen ohne männliche Begleitung, als willige, naive Geldesel angesehen werden, noch mehr als andere Touristen.
An fast allen Touristenorten ist es mittlerweile so, dass man im Outdoor-Bereich, gerade beim Essen, mit diesen fragwürdigen Entertainment- und Angebots-Erlebnissen gequält wird. Kann man nicht mal in Ruhe essen, ohne zu irgendetwas genötigt zu werden, das im Endeffekt eine Geldabgabe verlangt?
Am schlimmsten fand ich es bisher in der „Blumenpassage“, einer überdachten Restaurantmeile, in der İstiklal-Straße in Istanbul. Dort wurden wir gleichzeitig von zwei Combos eingekeilt, die unsere Gehörgänge mit unterschiedlichem Repertoire und in ohrenbetäubender Lautstärke (mit Trommel!) derart strapazierten, dass wir unsere Essensbestellung auf eine Serviette aufmalen mussten, weil der Lärmpegel der Musikanten keine akustische Verständigung mehr zuließ. Dagegen sind die Auftritte hier im Fünf-Minuten-Takt noch harmlos, wenn auch nervig. Da gibt man einfach Geld, damit es ein Ende hat.

Einen Blick von oben auf die Umgebung mit Parkanlage und Hafen würden wir abschließend schon noch gerne werfen. Unterwegs dorthin steht uns noch der Sinn nach einem kleinen Nachtisch, doch in einem schnöden Minimarkt, in einer benachbarten Gasse, würde ein einfaches, kleines Eis am Stiel 4,50 EUR kosten! Diesen Wucher machen wir nicht mit, auch wenn es hier sonst nirgendwo eine Eisdiele zu geben scheint.
Ein wenig bummeln wir noch weiter durch die Altstadt Málagas und verweilen in einer schönen Grünanlage neben der Kathedrale.








Nur wenige Straßenzüge weiter liegt der Eingang zur Burganlage Alcazaba. Eine Besichtigung wäre sicher auch interessant, wenn nicht die steilen Treppen am Eingang uns von Anfang klarmachen würden, dass die Wege dort hindurch für Arthrose-Geplagte ziemlich beschwerlich werden können. Auch das dazugehörige Römische Theater kann uns heute nicht locken.


Stattdessen wählen wir den gleich daneben beginnenden Aufgang um den Burghügel herum, der über eine schmale Straße hinauf zum Castillo de Gibralfaro, führt, einer weiteren Festung aus mittelalterlicher Zeit. Diese Anhöhe lässt sich stufenlos erklimmen.








Ein wahnsinnig ausladender Jacaranda-Baum in voller Blüte am Wegesrand, ein wahres Naturkunstwerk, zieht alle Blicke auf sich und ist mit Teilen der Burg und der üppigen Parklandschaft darunter, deren Pflanzen zum Teil bis über die Begrenzungsmauer der Straße ragen, ein begehrtes Fotomotiv.




Plötzlich hat sich ein Typ direkt neben mir aufgebaut. Ich habe ihn zwar aus dem Augenwinkel wahrgenommen, mich jedoch mehr auf die Umgebung konzentriert. Er will mir partout einen kleinen Rosmarin-Zweig „schenken“, indem er ihn mir direkt unter die Nase hält und mir immer weiter auf die Pelle rückt. Ich entgegne ihm mit einem entspannten ‚NO‘, entferne mich ein paar Schritte von ihm und halte meine Mutter dabei im Blick, die hinter mir ist. Da ich noch weiter fotografieren möchte, müssten wir kurz hier verweilen, was der „Verkäufer“, der noch einen Begleiter hat, zu einem weiteren Anlauf nutzt. Ich wiederhole nun etwas deutlicher, aber immer noch freundlich mein ‚NO‘ und drehe mich weg. Plötzlich packt er mich von hinten am Arm, und redet weiter auf mich ein. Ob dieser Übergriffigkeit drehe ich mich richtig erzürnt zu ihm um und brülle ihn an: „NNNNOOOOO!!!!!!!“ Das sitzt.
Wahrscheinlich hat er sich erschrocken, zumindest aber nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet, sodass er direkt von mir ablässt, sich einige Meter von mir entfernt postiert und dann anfängt, mich in gebrochenem Englisch zu beschimpfen. Ich solle den Mund halten, ich soll nicht so laut sein, ich hätte nicht so laut „NO“ sagen dürfen, ich soll mich mal abregen usw. Ich entgegne, ebenfalls auf Englisch, immer noch recht aufgebracht ob der unerlaubten Handlung, dass ich zwei Mal freundlich „NO“ gesagt hätte, doch er mich – statt aufzuhören – sogar noch angefasst hätte. Er soll sich also nicht wundern.
Doch der hört gar nicht zu, sondern ist schwer beleidigt und wird immer lauter. Das wirkt schon etwas bedrohlich, und normalerweise wäre ich wahrscheinlich aus der Situation schon raus. Doch meine Mutter ist nicht so schnell zu Fuß, und ich selbst bin mittlerweile so unglaublich wütend, dass ich nicht bereit bin, klein beizugeben. In einem Augenblick denke ich zwar, ‚Gleich wird er dir eine klatschen‘, und dennoch baue ich mich in einer Zwei-Meter-Distanz vor ihm auf, die Fäuste in die Seite gestemmt, bölke mehrere Male „WHAT DO YOU WANT?“ und schaue ihm dabei fest in die Augen. Sein Gemaule geht zwar weiter, doch hält er die räumliche Distanz zu mir ein. Verstanden hat dieser Typ jedoch offensichtlich gar nichts. Gewonnen hat er am Ende das Duell jedenfalls nicht, als Muttern und ich den Rückweg antreten. Ich zwar auch nicht, aber ich bin froh, nicht einfach schlotternd vor seiner polternden Lautstärke davongerannt zu sein.
Andere Touristen, die den Hügel herunterkommen und alles mitverfolgt haben, wenden sich ebenfalls ab bzw. entgegnen barsch, dass sie nichts kaufen wollen, als er auf sie zutritt. Ich glaube jedoch nicht, dass von denen irgendjemand im Notfall bei uns eingeschritten wäre.
Einmal wirft der Rosmarin-Typ sich peinlicherweise sogar vor einem Touristenpaar auf die Knie und bittet um eine Geldspende für das unschuldige Zweiglein. Leider ist es so, dass schauspielerisch vorgetragene, demutsvolle Gesten und Mitleid erheischend Dackelblicke gerne auch die Herzen, Handtaschen und Geldbörsen öffnen, und leider fast immer die von Frauen. Tatsächlich hat sich eine der Frauen, die im Pulk mit anderen den Hügel heruntergekommen sind, als wir noch dort standen, erweichen lassen.
Es ist bei weitem nicht der Versuch irgendeines armen Teufels, mit irgendetwas Geld zu verdienen und dafür Touristen anzusprechen, was mich so wütend macht; auch schon gar nicht die Naivität dieser Frau, jemand Fremdem zu zeigen, wo genau sich ihre Geldbörse befindet. Das herauszufinden, ist ja wohl das Ziel, denn kein Mensch kann vom Verkauf von winzigen Rosmarinzweigen leben! Vielmehr hat mich die Art und Weise dieses Typen, die von Respektlosigkeit und Übergriffigkeit geprägt ist, so erzürnt.
Noch während ich diese Geschichte aufschreibe, keimt der Zorn in mir wieder auf, und ich frage mich, warum? Spielt vielleicht auch die Szene mit der Losverkäuferin im Restaurant kurz zuvor mit hinein? Vielleicht, wegen der Heftigkeit ihrer Reaktion? - Das war zwar unangenehm, als Einzelerlebnis hätte ich das aber schnell wieder vergessen.
Nein, was mich so richtig auf die Palme bringt, ist die immer wieder erlebte Herabsetzung von mir als Frau und als ganze Person durch die Reduzierung auf Funktionen, die sie zu erfüllen und dabei die Klappe zu halten hat, in diesem Fall als Geldeselin. Es ist darüber hinaus die Respektlosigkeit vor meinen persönlichen Grenzen, und das schließt unerlaubte Annäherungen in meinen Nahbereich und das Festhalten des Arms mit ein. Ich soll mich weder wehren noch etwas entgegnen, sonst pöbelt man beleidigt herum und baut eine Drohkulisse auf.
Für mich hat das Anspruchsdenken dieses aufdringlichen Rüpels auch nichts mit einer besonderen kulturellen Ausprägung zu tun. Es ist vielmehr etwas Grundsätzliches, Patriarchales, quer durch die Kulturen der Welt, das mir verdeutlicht, dass das, was wir als Frauen über die Jahrzehnte als ein gewisses Selbstverständnis erkämpft haben, längst noch nicht ausreichend ist bzw. sich in Teilen sogar wieder zurückentwickelt. Im Zweifelsfall scheint immer das Recht des Stärkeren zu gelten.
Solche Übergriffe, wie gerade erlebt, bleiben darüber hinaus meistens im Privatbereich der einzelnen Frau. Hätte ich die Polizei rufen sollen? Was hätte das geändert? Nada! Im Gegenteil verspüre ich keine Solidarität, auch nicht die von anderen Frauen, die mich als Einzelwesen unterstützt und mir das Gefühl gegeben hätten, in der Situation nicht allein gewesen zu sein. Und das macht es noch bitterer.
Und doch hat dieser Typ NICHT gewonnen! Vielleicht ärgert er sich auch heute noch schwarz über diese unverschämte Touristin, die die Stirn hatte, ihn abzuschütteln, anzubrüllen und sich zu wehren. Allerdings ist mir auch bewusst, dass die beiden Wegelagerer wahrscheinlich zum Ziel gekommen wären (Geldbörsenklau), wären nicht noch mehr Touristen vor Ort gewesen, auch wenn diese keinerlei Anstalten machten, sich einzumischen.

Mit einem wirklich miesen Feeling beende ich dann für heute unseren Ausflug. Alles andere habe ich dennoch genossen und versuche, mich darauf zu konzentrieren und das gerade Erlebte ein wenig zu verdrängen.