Am dritten Tag meiner Erkrankung geht es mir wieder etwas besser. Mit viel Wasser und Tee habe ich versucht, das Flüssigkeitsdefizit auszugleichen. So dehydriert war ich wohl noch nie. Es dauert tatsächlich mehrere Tage, bis meine Lippen nicht mehr so spröde sind und die Mundtrockenheit sich verflüchtigt hat. Jetzt erkennen wir auch, wie wichtig es war, eine gute Unterkunft zu wählen, auch wenn diese preislich etwas gehoben ist. Kein Vergleich zu der lieblosen, etwas verlassen wirkenden Bleibe in Granada. Wenn nötig, hätte ich nicht gezögert, unseren Vermieter in Málaga um Hilfe zu bitten. Der lose, humorvolle Kontakt per WhatsApp, in dem wir zwischenzeitlich stehen, gibt mir ein richtig gutes Gefühl. Zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, kann ich später schon wieder in dem schönen Innenhof unserer Wohnanlage sitzen, mich an deren Blumenbeeten erfreuen, ein wenig hin- und hergehen und mich regenerieren. Die Sitzbänke im Hof stehen direkt an den Hauswänden, unter den breiten Überdachungen im Schatten. Das Publikum ist gemischt: jung, alt, Körperbehinderte bzw. Bewegungseingeschränkte, auch im Rollstuhl; einige mit Hunden; Familien mit Kleinkindern und Eltern, die ihre größeren Kinder von der benachbarten Schule abgeholt haben; wieder andere, die vom Einkaufen zurückkommen. „Hola!“, wird man im Vorbeigehen gegrüßt. Hat man sich schon einmal gesehen, ein freundlicher Ausdruck des Wiedererkennens. Wie nett das ist! Türen werden aufgehalten, höflich Vortritt gelassen, sozial, rücksichtsvoll und gut gelaunt. Alle machen mit und so ist das Miteinander in der großen Anlage sehr entspannt. Eigentlich wären wir heute schon den zweiten Tag in Sevilla und kämen am Abend wieder zurück. Doch wegen meiner Erkrankung war daran nicht zu denken. Ich hätte am Vortag noch nicht einmal die Fahrt bis dahin geschafft. Dass wir dort jetzt nicht mehr hinkommen, ist zwar sehr schade, doch Sevilla ist eh eine eigene Reise wert. Mit einer zweitägigen Kurzvisite hätte man sich lediglich einen ersten Eindruck verschaffen können. Dennoch hätte ich mir gerne den ehemals von den maurischen Eroberern angelegten Alcázar angesehen, die Palastanlage, die auch heute noch von der spanischen Königsfamilie als Residenz genutzt wird. Außerdem kann ich mir in meiner Verfassung auch die geplante, zweieinhalbstündige Busfahrt nach Ronda zurzeit nicht vorstellen, um am selben Tag wieder zurückzufahren, nachdem man einen Eindruck von der hohen Brücke über die Schlucht gewonnen hat. Und last but not least wird wohl auch aus Marbella nichts werden. Obwohl in nur einer knappen Stunde erreichbar, wird der Gehapparat meiner Begleitung auf dem Paseo Maritimo oder im Jachthafen nicht lange genug mitmachen, um auch etwas vom dortigen Flair zu schnuppern. Außerdem, so trösten wir uns, sollen die Lokale dort total überteuert sein. Der Ausflug dahin war eh nur als spontane Ergänzungsmöglichkeit gedacht. Am Ende sind wir froh, diese Entscheidungen getroffen zu haben und uns stattdessen in viel gemächlicherem Tempo Málaga zu widmen. Schließlich sind wir hier direkt vor Ort! Mit dem 14er Bus fahren wir wieder zum Hafen (vorletzte Haltestelle). Wir freuen uns auf eine Süßigkeit und versuchen es im Hardrock Café, das sich direkt neben dem spanischen Ableger des Centre Pompidou befindet. Im schattigen Außenbereich nehmen wir Platz und bestellen große Portionen mit Kuchen, Eis, Sahne, Schoko und Karamell. Das kommt genau richtig nach meiner unfreiwilligen Diät. Wunderschön, hier mit leiser Musik im Hintergrund zu sitzen. Den Mund voll mit süßer Köstlichkeit schauen wir auf die rangierenden Schiffe und die vorbeidefilierenden Touristen und Schülergruppen. Peu-à-peu füllt sich das Café mit netten und entspannten Leuten, die, wie wir, nur ein wenig abhängen möchten. Die freundliche Atmosphäre im HRC kommt insbesondere durch die jungen Leute zustande, die uns aufmerksam und sehr lieb bedienen. Die üblicherweise in den Hardrock Cafés ausgestellten Devotionalien berühmter Künstler betreffen in diesem Lokal eher zeitgenössische Musiker, doch ein paar Schuhe von Eric Clapton haben sich ebenfalls hierher nach Málaga „verirrt“. Das Centre Pompidou Málaga liegt nur wenige Schritte entfernt von unseren Tischreihen im HRC und lockt schon die ganze Zeit zu einem Besuch der temporären Kandinsky-Ausstellung, die noch bis September 2025 zu sehen ist, bevor sie von einer anderen abgelöst wird. Vielleicht gibt es für einen spontanen Besuch ja noch Tickets. Tatsächlich ist das kein Problem, und darüber hinaus brauchen wir beide gar nichts zu bezahlen, weil das Kriterium „Schwerbehinderung mit Begleitperson“ zutrifft. Darüber wurden wir vom netten Personal dort hingewiesen, als ich schon das Portemonnaie in der Hand habe. Das ist ja eine angenehme Überraschung! Als Ü-65jährige hätte der Eintritt aber auch nur sehr erschwingliche 2,50 € gekostet. Die Ausstellung beginnt mit einer Zeitleiste. Als sich der in Moskau geborene und später nach Deutschland übergesiedelte Vassily Kandinsky nach Abitur und Jurastudium verstärkt der Malerei zuwandte, hatte er seinen berühmten Malstil noch nicht gefunden, sondern experimentierte zunächst mit Farben und Formen. Insbesondere der Impressionismus mit seiner damals revolutionären Kraft beeindruckte ihn. Später beeinflusste ihn die Avantgarde der „Blauen Reiter“ und des Bauhaus-Stils. In der Ausstellung sind mehrere faszinierende Werke aus jener Zeit zu sehen, wie das gelungen wiedergegebene Lichtspiel Im Park von Saint-Cloud von 1906. Seine Studien verschiedener Farben sind ein weiteres Thema der Ausstellung, wie die Schattierungen von Braun, Grau und Weiß (was wiederum an Monet erinnert). Letztendlich mündeten die Erkenntnisse in die farbenfrohe, teilweise mit geometrischen Elementen versehenen Werke, die man unter hundert anderen heraus erkennt. Auch zwei unvollendete Bilder aus dem Jahr 1944 (seinem Todesjahr) sind ausgestellt, eines davon in blau. Sie sind beide in dunkler Farbe gehalten und geben Aufschluss über die Entstehung seiner Bilder, die hier in der Rohfassung zunächst einfachen geometrischen Mustern in einem Raster folgen. Insgesamt hat uns die informative Ausstellung sehr gut gefallen. Jedes größere Museum hat ja mindestens einen Kandinsky in seinen Räumlichkeiten, doch die Entwicklung seines individuellen Malstils in einer Sammlung nachzuverfolgen, fand ich äußerst interessant. Für heute wollen wir unsere Unternehmungen mit einem Besuch im benachbarten Parque de Málaga abschließen, den wir mit Bus und Taxi schon mehrfach passiert haben. Über 120 Jahre ist er schon alt. Die dicht mit verschiedenen Pflanzen bestückte Grünfläche erstreckt sich vom Hafeneingang in einem schmalen Rechteck auf mehreren hundert Metern bis zur Plaza de la Marina.
Im Schatten der hohen Bäume wandelt man über gewundene Gehwege durch eine Vegetation, die Kandinsky sicherlich zu Experimenten In Grün inspiriert hätte.
![]() Der Bewuchs beinhaltet eine üppige und exotische Pracht an Grünpflanzen, blühenden Sträuchern, hohen Palmen, Kletterpflanzen, die an Bäumen meterhoch emporranken und die ich als Topfpflanze en miniature früher einmal zu Hause hatte.
![]() Wir sind begeistert von dieser Pflanzenpracht. Aufgelockert durch kleine Plätze mit Sitzbänken, Skulpturen und Denkmälern bietet sich ein Bummel durch den Park zu einem schönen Ausklang nach dem Aufenthalt in Málagas Hafengegend förmlich an.
Auch dem spanischen Dichter Salvador Rueda (1857–1933) hat man inmitten der Parklandschaft, noch zu dessen Lebzeiten, ein Denkmal gesetzt. ![]() Drei einzelne Männer jedoch verleiden uns - völlig unabhängig voneinander – unseren Spaziergang hier ein wenig. Derjenige, der wie ausgekotzt auf einer der Bänke hängt und pennt, ist uns egal. Doch ein Straßenverkäufer, der sich in einem Blumenbeet gegen einen der Bäume vor aller Augen erleichtert, ist es nicht mehr. Noch unangenehmer ist ein älterer, Zigarre rauchender Mann, der breitbeinig auf einer Bank sitzt und jeder vorbeikommenden Frau mit dem bekannten, anzüglichen, ekelhaften und eindringenden Blick auf bestimmte Körperteile starrt. Was für ein Widerling! Hört das denn nie auf? Wir sind doch schon so alt. Diese Begegnungen innerhalb nur weniger Minuten reichen aus, heute auf einen weiteren Aufenthalt im Park zu verzichten. Wir beschließen, an einem anderen Tag wieder zu kommen, denn die wunderschöne Pflanzenpracht möchten wir noch einmal auf uns wirken lassen. Die Bushaltestelle für den 14er Bus in Richtung Unterkunft haben wir schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ausgemacht. Ich bin froh, wieder so halbwegs bei Kräften zu sein und den Tag nicht nur gut überstanden, sondern auch mit neuen Eindrücken gestaltet zu haben. Für morgen ist ein chilliger Strandtag vorgesehen, aber nicht an der Malagueta. |