Córdoba mit Mezquita-Catedral


Nach dem gestrigen, doch etwas anstrengenden Tag haben wir uns vorgenommen, unseren Tagesausflug nach Córdoba ganz in Ruhe zu beginnen. Und so machen wir uns schon zeitig auf den Weg zum Busbahnhof, der Estación de Autobuses Málaga. Durch unsere langsame Fortbewegung, das dem ächzenden Gehapparat meiner Reisebegleitung geschuldet ist, kommen wir - wie schon bei der Abreise nach Granada vor zwei Tagen – wieder in letzter Minute am Bussteig an. Gut, dass ich die Tickets schon vorher gekauft habe. (29 EUR pro Person für Hin- und Rückfahrt, jeweils zweieinhalb Stunden) Mit dem teureren Zug bräuchte man zwar weniger als der Hälfte der Fahrzeit, doch eine Busfahrt verspricht uns mehr landschaftliche Abwechslung. Außerdem lieben wir das Busfahren mit Plätzen direkt hinter dem niedriger sitzenden Fahrer, weil man über dessen Kopf hinweg eine Panoramasicht nach vorne hat und alles gut mitbekommt. Aufgrund der vollen Auslastung des Busses finden wir heute nur noch einen Platz irgendwo in der Mitte.

Um 9 Uhr fährt unser Überlandbus pünktlich ab. Zunächst verlassen wir Málaga, wie schon auf der Fahrt nach Granada, zügig in nördlicher Richtung. Doch statt nach rechts auf die A92 abzubiegen, bleiben wir dieses Mal auf der A45 und streben auf dieser Schnellstraße, immer weiter nach Nordwesten, unserem Ziel zu.
Der Unterschied auf dieser Strecke liegt in der Landschaftsform und der Vegetation. Haben uns auf dem Weg nach Granada auf der Hochebene die Millionen von Olivenbäumen überrascht, so durchqueren wir heute eine sehr weitläufige, menschleer wirkende Tiefebene, reich an Landwirtschaft und im Sommer bestimmt äußerst heiß. Keine Erhebung ist weit und breit zu sehen, nur plattes Land. Ganz hinten scheint sich ein Wolkengebilde zu türmen, sodass man zunächst den Eindruck gewinnt, in eine Schlechtwetterfront zu fahren. Doch die Dunstglocke löst sich im Verlauf der Fahrt ganz auf.

Auf dem zweiten Abschnitt der Fahrt liegen die beiden vorgesehenen Zwischenstopps: Lucena und Montilla. Lucena (43.000 Einwohner) verfügt über ein gar nicht so kleines Gewerbegebiet mit offensichtlich boomender Möbelindustrie, verschiedenen Autohäusern und kleineren Herstellerbetrieben, während Montilla (22.000 Einwohner) eher von der Landwirtschaft (Wein- und Olivenanbau) und der Verarbeitung dieser Produkte lebt. Von hier sind es nur noch etwa 40 Kilometer bis nach Córdoba, mit über 320.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Spaniens.

Obwohl ich die Fahrt genieße, freue ich mich mittlerweile auch auf eine baldige Ankunft, weil mir das unablässige Geplapper der jungen Frauen vor, hinter und neben uns langsam auf die Nerven geht. Vielleicht liegt meine Empfindlichkeit auch an dem leichten Krankheitsgefühl, das sich langsam ausbreitet, und das ich geflissentlich zu ignorieren versuche.

Wie fast überall befindet sich der Busbahnhof von Córdoba nicht im Stadtzentrum, sondern etwas weiter außerhalb. Als wir aussteigen, kann ich deutlich spüren, dass wir neben der meeresfeuchten Wärme von Málaga und der erfrischenden Bergkühle Granadas in Córdoba in einer dritten Klimaregion angekommen sind. Neben Sevilla zählt die Stadt zu den heißesten in ganz Andalusien, und auch schon am späten Vormittag empfinde ich die Temperaturen im Vergleich als sehr hoch.

Wir haben uns schon vorab dazu entschieden, ein Taxi ins Zentrum zu nehmen, bevor wir uns ausufernd mit dem städtischen ÖPNV beschäftigen. Mit ‚Zentrum‘ ist die Altstadt mit der Mezquita-Catedral gemeint, das Wahrzeichen Córdobas, in deren näherem und weiterem Umkreis sich Sehenswürdigkeiten befinden, die bis ins Altertum zurückreichen. Dazu zählt die 2.000 Jahre alte Puente Romano, eine eindrucksvolle steinerne Brücke über den Guadalquivir. Doch insbesondere die Mauren haben - nach der Stadteroberung im 7. Jahrhundert und noch mehr die Errichtung des Kalifats von Córdoba im 10. Jahrhundert als zentraler Sitz der Herrschaft über al-Andalus - den Straßenzügen der Altstadt mit ihrem besonderen Baustil ihren Stempel aufgedrückt. Mehr als 100.000 Menschen lebten schon damals in Córdoba und genossen vielerlei infrastrukturelle Errungenschaften. Die Errichtung einer Mezquita (Moschee) und deren steter Ausbau fallen ebenfalls in diese Zeit.
Neben den muslimischen Stadtbewohnern hatte sich auch eine bedeutende jüdische Gesellschaft entwickelt, die im (heutigen) Stadtteil La Juderia lebte. „Die Jüdische Kultur erlebte in al-Andalus, dem von 711 bis 1492 muslimisch beherrschten Teil der iberischen Halbinsel, eine Periode kultureller und wirtschaftlicher Blüte. Al-Andalus wurde zu einem Zentrum jüdischen Lebens im europäischen Mittelalter, in dem sich eine der stabilsten und wohlhabendsten jüdischen Gesellschaften ihrer Zeit entwickelte.“ (s. Jüdische Kultur im islamischen al-Andalus)
Ab 1492 kam es in der Folge der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die katholischen Nachfolger nicht nur zum Niedergang der maurischen Kultur, sondern auch zur Vertreibung dieser als „sephardische Juden“ bezeichneten Gemeinschaft. Die Juderia von Córdoba gehört heute zu den touristischen Attraktionen der Stadt.

Aufgrund der begrenzten Zeit haben wir uns für zwei Besichtigungsziele entschieden: zum einen die blumengeschmückten Innenhöfe, die während des alljährlichen Blumenfests im Mai ihre Pforten für Besucher öffnen, und zum anderen natürlich die berühmte Mezquita-Catedral. Bis zu deren Besuch haben wir aber noch genügend Zeit, uns an den blumengeschmückten Patios zu erfreuen.
Wo aber fängt man damit an, wenn man sich nicht auskennt? Natürlich an der Calle de las Flores, der Blumenstraße. Und genau dort lassen wir uns jetzt hin chauffieren. Die ganze Stadt sei zurzeit voll von Blumenarrangements, meint der Taxifahrer, während er mit dem Auto durch eine menschenvolle Fußgängerzone bis eben zu dieser Blumenstraße schleicht.
Die sehr schmale Calle de las Flores zweigt von einer Geschäftsstraße ab und ist von hohen Hausmauern begrenzt. Insbesondere am Eingang machen junge Frauen unablässig, in Gute-Laune-suggerierenden Posen ihre Selfies für den Insta-Account. Doch das Motiv ist nicht gut, viel zu wenig Licht. Und außerdem, wo sind die Blumen? Ein paar Pflanzen bampeln zwar weiter oben an einer Hausmauer, doch von einer richtigen Blütenpracht kann hier keine Rede sein. Die Bezeichnung der Gasse ist offensichtlich nur ein Touristenfänger. Außerdem habe ich das Gefühl, in dem schmalen, hohen, mit den vielen Besuchern vollgestopften Durchgang Platzangst zu bekommen. Und deshalb verzichten wir auch darauf, uns dort hindurchzuwühlen.
Stattdessen lassen wir uns von der Menschenmasse die Fußgängerzone hochtreiben. Nicht nur der Hauptweg, sondern auch die Seitenstraßen der Judería, in der wir mittlerweile angekommen sind, haben uns hinsichtlich der versprochenen, jedoch komplett fehlenden Blütenpracht nach einer halben Stunde sehr ernüchtert. Unter der Altstadt, die ein mehrwöchiges Blumenfest feiert, habe ich mir etwas anderes vorgestellt als eine Geschäftsstraße mit denselben Läden wie bei uns in Deutschland. Blumen gibt es hier nur vereinzelt, und dann in künstlicher Form.


Auch kann ich die Begeisterung über den architektonischen Charme der Gässchen in der Judería, von denen man so viel liest, nicht teilen. Für mich sind es einfach Gassen mit weiß getünchten Häusern ohne nennenswerte Besonderheiten.


Außerdem nerven diese immer wieder plötzlich loskreischenden Frauen der zahllosen Junggesellinnen-Abschiede, die am Wochenende hier offensichtlich gerne gefeiert werden. Meine Güte, was ist das für uns als Einzelreisende anstrengend!
Viele andere einheimische Wochenendausflügler sind ebenfalls in die beliebte Stadt gekommen, um ein wenig Abwechslung zu haben. Und natürlich gibt es auch die ausländischen Gäste, so wie wir, die sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen wollen. Der Trubel wird noch zusätzlich durch eine üppige Hochzeitsgesellschaft verstärkt. Das frisch vermählte Ehepaar ist gerade in einen Rolls Royce gestiegen und wird gebührend verabschiedet, wobei die Hochzeitsgäste vor einem Hotel die gesamte Gasse verstopfen, dass es kaum noch vorwärts oder rückwärts geht. Dazu immer wieder Taxifahrer, die sich ihren Weg im Schritttempo suchen müssen und voller Ungeduld vor sich hin fluchen und hupen. Ständig muss man als Fußgänger irgendwem ausweichen.


Einmal sind wir schon den Hauptweg ziemlich weit nach oben gegangen und durch die Nebengässchen in weiteren und engeren Bögen wieder zurück, als wir die Lust verlieren, uns weiter durch das Gewühl zu kämpfen. Das mit den Blumen können wir knicken! Vielleicht gibt es die schönen Höfe aber auch an einer ganz anderen Stelle in Córdoba, doch das ist uns jetzt wurscht.
Mich sorgt ein wenig, dass meine Mutter in der Hitze und den Massen eventuell wieder schlapp machen könnte, wie schon gestern. Doch munter trabt sie mit den Wanderstöcken immer weiter und lässt sich von jedem Detail faszinieren. Mir dagegen wächst die Menschenmasse langsam über den Kopf.

Vor dem Besuch der Mezquita-Catedral, der aufgrund der festen Zeitangabe auf den Tickets langsam näher rückt, sollten wir uns in einem Lokal ein wenig erfrischen. Vor allem bräuchten wir etwas zu trinken. Wenn auch wenig einladend, so finden wir mitten in der Fußgängerzone, vor einem Café, einen Platz. Kaum haben wir uns niedergelassen, werden wir von einer resoluten Bedienung aufgescheucht. Wir könnten hier nicht sitzen bleiben, meint sie energisch, reißt uns den Tisch weg und platziert ihn am anderen Ende der Tischreihe, ein paar Meter weiter. Die Stühle sollen wir selbst mitbringen. Ich verstehe den Sinn zwar nicht, tue jedoch, wie befohlen. Kaum haben wir uns dieses Mal hingesetzt, kommt eine männliche Bedienung und meint, wir könnten hier nicht sitzen bleiben. Ich bin sprachlos. Zum Glück revidiert die erste Bedienung das gleich wieder und meint, wir könnten doch bleiben. Die erste Hürde ist also geschafft, wir sitzen an einem Tisch auf zwei Stühlen. Bedient werden wir jedoch nicht. Während an den Nachbartischen aufgefahren wird, bleibt mein suchender Blick mit der stummen Bitte um ein Getränk unerwidert. Daher versuche ich mein Glück drinnen an der Theke. Ganze fünf Minuten verweile ich dort vollkommen ignoriert vom Personal und hoffe auf die Unterbrechung des Redeschwalls der Angestellten, um meine Bestellung zu formulieren. Wie auf Kommando brechen sie plötzlich alle zusammen auf, gehen nach draußen und lassen mich einfach stehen. Dann reicht es mir. Wir lassen das hier sein, es ist eine erfolglose Mission.

Wieder lassen wir uns durch ein paar Gässchen treiben, nicht allzu weit weg von der Kathedrale, die man immer gut am hohen Kirchturm erkennen kann. Dann kommt uns die Idee, vor der Besichtigung noch einen Snack zu besorgen, den wir auch ohne Sitzgelegenheit zu uns nehmen könnten. Ich erstehe für uns eine Spezialität Córdobas, zuckrige dünne Teigtaschen mit Kürbismus, die Pastel Cordobés, die vor dem Verkauf noch zusätzlich mit Zimt bestäubt werden. In zwei flachen Tüten to-go nehme ich die kleinen Teile mit. Neun Euro hat der Spaß gekostet.
Ein paar Meter weiter, die Straße bergab, entdecken wir einen kleinen Park mit Sitzbänken, die jedoch alle besetzt sind. Auf einer ist noch Platz, also steuern wir geradewegs darauf zu. Gerade als ich den einzeln dort sitzenden Mann ansprechen möchte, quetscht sich im letzten Moment noch ein junges Touri-Pärchen auf die Bank, das uns auch noch frech angrinst. Das war’s dann mit einem Sitzplatz. Die Dreistigkeit, einer gehbehinderten Frau mit Gehstöcken einen Platz wegzunehmen, kommt bei den spanischen Leuten auf den Nachbarbänken, nicht so gut an, wie man den Blicken entnehmen kann. Bei uns auch nicht. Dennoch bietet niemand meiner Mutter einen Platz an.
Wir bleiben jedoch, wo sollen wir sonst auch hin. Immerhin gibt es hier ausreichend Schatten, und die Teigtaschen munden auch im Stehen. Als sich eine kleine, spanische Runde auflöst, lädt uns die übrig gebliebene Frau ein, uns neben sie auf die Bank zu setzen. Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht haben, suchen wir dennoch weiter nach einem Lokal, um etwas zu trinken, denn ein Geschäft, in dem man Wasser kaufen könnte, habe ich nirgends entdeckt. Unverhofft erspähen wir in einem Outdoor-Lokal tatsächlich drei freie Tische und nehmen in der festen Überzeugung an einem Platz, das klebrige Zuckerzeug der Teigtaschen hinunterspülen zu können. Doch weit gefehlt. Offensichtlich sitzen wir im Niemandsland. Diese Tische samt Bestuhlung sehen zwar genauso aus wie die innerhalb einer provisorischen, kleinen Absperrung, doch serviert wird hier im Außenbereich nichts. Auch nicht im Selfservice.
Da wir es mittlerweile so überaus satt haben, weiter nach einer Gelegenheit zu suchen, wo man uns etwas Trinkbares serviert, bleiben wir einfach an Ort und Stelle, dürsten vor uns hin und amüsieren uns über alle, die ebenfalls voller Hoffnung an den anderen beiden Tischen in diesem Bereich Platz nehmen, nur um festzustellen, dass auch sie nichts bekommen. Daher ist das Treiben um uns herum von einem steten Wechsel der Gäste geprägt. Wer im Innern einen Tisch hat, bleibt dort auch sitzen und steht so schnell nicht wieder auf. Das Unterfangen „O-Saft“ legen wir daher zunächst wieder ad acta.
Schließlich wird es Zeit, uns durch die Fußgängerzone zum Haupteingang der Mesquita-Catedral, der Puerta del Perdón durchzuquetschen.


Dieses Gnadentor führt zunächst in einen größeren Innenhof, den Patio de los Naranjos (Orangenhof), in dem es schlagartig ruhiger zugeht. Oh welche Wohltat! Zwar sind entgegen den zahlreichen Darstellungen im Internet jahrzeitlich bedingt weder leuchtende Orangen noch deren wohlduftende Blüten an den Bäumen, dafür erspähe ich in einer Hofecke den Eingang zum Kirchenkomplex, und dieser ist nun unser Ziel. Die Tickets zu dieser UNESCO-Welterbestätte hatte ich zum Seniorenpreis von 10 EUR pro Person schon vorab online gekauft. Am Ticketschalter herrscht jedoch kaum Andrang.


Schon direkt nach dem Eintritt in die riesige Moschee-Kathedrale verschlägt es mir infolge der baulichen Wucht den Atem! Unzählige, in Form und Farbe gleich ausgestaltete Rundbögen stützen das Gewölbe des 23.000 Quadratmeter großen Komplexes und erwecken den Eindruck, dass das Gebäude sich unendlich nach allen Seiten ausdehnt, je tiefer man hineingeht.




Empfindet man die Dimensionen in den großen christlichen Kathedralen ebenfalls als außerordentlich, insbesondere die Höhenausdehnung, so sind die Außenmauern auch in mehrschiffigen Basiliken als Begrenzung stets erkennbar. Die Frage danach hat sich mir bisher nie gestellt. Auch die ehrwürdigen mittelalterlichen Moscheen oder die majestätische Aghia Sofía in Istanbul aus byzantinischer Zeit bieten dem Blick stets eine Abgrenzung zur Außenwelt.

Zum Vergleich der Dimensionen:

Mailänder Dom, linkes Seitenschiff


Yeni Camii, Istanbul


Aghia Sofía, Istanbul

Ganz anders ist es in der Mezquita-Catedral Córdobas. Mehrere hundert Meter misst ihr rechteckiger Umfang. Doch entscheidend für den Eindruck ihrer Grenzenlosigkeit ist die unüberschaubare Anzahl von Rundbögen.



Sie ruhen auf „856 Säulen aus Jaspis, Onyx, Marmor und Granit“. (WIKI: Mezquita-Catedral de Córdoba)


Diese Säulen leiten nicht nur die Tonnengewichte des Gebäudes ab, sondern schaffen mit den sie in alle Richtung verbindenden Rundbögen den Eindruck unzähliger, kleinerer Räume. Von allen Seiten zweigen durch die Bögen Durchgänge in weitere Gebäudeteile ab. Je nach Standpunkt ergeben sich immer wieder neue Perspektiven auf und durch die Bogenlandschaft hindurch.


Manchmal bleibt der Blick mittendrin an einer Wand oder einem Metallgitter hängen, doch diese haben lediglich funktionale Bedeutung, wie die Verhinderung des Zutritts Unbefugter in einzelne Bereiche.


Die Geschichte des Kirchenbaus hängt eng mit der wechselhaften Stadtgeschichte Córdobas zusammen. Nach der Eroberung der Stadt durch Truppen von Berbern und arabischer Umayyaden, im Jahr 711 begann ab 784 der Bau der Originalmoschee unter Emir Abd al-Rahman I. Sie sollte an der Stelle stehen, an der sich zuvor schon die San Vicente Basilica befunden hatte.
Die Nachfolger des Emirs erweiterten den bestehenden Bau sowohl in der Länge als auch in der Breite noch erheblich. Auch die Unterteilung der Betsäle durch die Bogenstruktur wurde erst später vorgenommen.

Was machen Herrscher häufig nach einer wichtigen Eroberung? Als Zeichen ihrer Macht zerstören sie wichtige kulturelle Denkmäler des Feindes, nicht nur um zu zeigen, dass sie es einfach können, sondern weil es den Besiegten besonders weh tut. Diese Zerstörung, wie etwa die der 1.500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001, hat etwas Endgültiges und Unwiederbringliches. Sie zeigt nicht nur die (vergängliche) Macht derer, die dies angeordnet haben, sondern vor allem ihre brutale Entschlossenheit.
Die Aghia Sofía wurde nach der Eroberung Istanbuls durch Mehmet II. im Jahr 1453 zwar in eine Moschee umgewandelt. Dennoch sind etliche bildliche Darstellungen, wie die vergoldeten Mosaiken, erhalten geblieben, wurden zum Teil sogar absichtlich unter Putz versteckt, vielleicht weil man den Wert und die Größe dieser Meisterwerke erkannt hatte und zumindest einen Funken Demut verspürte. Wer weiß, welche großartigen Kunstwerke dort noch immer unter dem Putz schlummern.
Ähnlich erging es der Moschee von Córdoba, denn wenn man bewundernd durch die Reihen der Säulengänge der ehemaligen Moschee wandelt und von den sich ständig wechselnden Perspektiven immer wieder aufs Neue überrascht wird, fragt man sich, warum sie heute als Moschee-Kathedrale (Mezquita-Catedral) bezeichnet wird.
Die Frage beantwortet sich aus der Stadtgeschichte heraus. Nach ihrer Eroberung durch den christlichen König Ferdinand III. im Jahr 1236 wurde die Moschee zur Kathedrale umgewidmet und erlitt ein ähnliches Schicksal wie später die Aghia Sofía, nur anders herum. Doch sollte es noch bis 1523 dauern, bis die Kirche den größten Umbau ihrer Geschichte erfahren sollte. Inmitten der Bogengänge weitet sich nämlich plötzlich ein Teil des Gebäudes zu einem großen, einzigen Gebetsraum, einer christlichen Kathedrale.


Ihre Form und Lage inmitten der Moschee erscheint fast gewollt trotzig, gerade anders herum als die Ausrichtung der Moschee, denn das Längsschiff der christlichen Kirche wurde quer zu dem der Moschee gebaut. Genauso verhält es sich mit dem Querschiff, das der christlichen Kirche zu einer Kreuzform verhilft und das längs zum Querschiff der ehemaligen Moschee verläuft. Es ist eine Kirche mit den bekannten christlichen Ausstattungen, wie bildlichen Darstellungen, einem Altar, einem Chor, Orgeln usw., die in einer Moschee allein nicht vorstellbar sind.



Für diese Anlage mussten zwar etliche Bogengänge weichen, doch glücklicherweise hat man den weitaus überwiegenden Teil erhalten.


In diesem Teil des Gebäudes werden auch heute noch katholische Messen abgehalten, die Teilnutzung als Moschee jedoch ist ausgeschlossen. Muslimische Besucher können sich jedoch – wie in einem Museum - die sehr gut erhaltene, frühere Gebetsnische und andere Ausstattungsgegenstände anschauen.

Meine Reisepartnerin hat vorerst genügend Bogengänge gesehen und freut sich über einen guten Sitzplatz im Kirchengestühl mit freier Sicht auf den Altarraum. Mir fällt auf, dass es hier irgendwie modrig und muffig riecht, kann den Ursprung jedoch nicht ausmachen. Eventuell sind es die alten, schwarzen, hölzernen Kanzeln oder doch der Teppich?


Vielleicht „duftet“ es auch aus dem Untergeschoss heraus nach oben? Ich kann es nicht erkennen, doch der Geruch ist sehr eindringlich. Allerdings lässt sich kaum jemand davon abbringen, hier zu verweilen und den Ausführungen diverser Reiseleitungen zu lauschen, während man die Details des Altarraums wahrnimmt.




Kuppeln lenken den Blick nach oben. Sie sind kunstvoll nebeneinander angeordnet, die dort eingebrachten Fenstereinlässe erhellen den Raum darunter mit Tageslicht.






Wir verabreden, dass wir uns in Kürze hier wiedertreffen, denn ich möchte mir noch den Rest des Gebäudes anschauen, wahrscheinlich eine einmalige Möglichkeit.
Gleich neben dem großen Gebetraum der Kathedrale befindet sich das über und über mit geschnitzten Darstellungen bedeckte, hölzerne Chorgestühl aus dem 18. Jahrhundert.





An zwei gegenüber liegenden Seiten wurden imposante Orgeln angebracht, die ich gerne einmal in diesem Gebäude gehört hätte.


Der kleine Raum ist überfüllt mit Reisegruppen, deren Mitglieder wie aufgescheucht wild um sich fotografieren und keinen Raum für eine nähere Betrachtung meinerseits lassen.
Als ich kurz innehalte, merke ich, wie sich das schleichende Schwächegefühl, das ich schon auf der Hinfahrt verspürt habe, richtiggehend manifestiert hat. Jetzt kann ich es nicht mehr ignorieren. Dennoch wandele ich weiter durch die unzähligen Bögen und konzentriere mich auf weitere Details.


Verschiedene Kapellen sind sehr kunstvoll und üppig ausgestaltet, wie die Kapelle der Santa Teresa mit ihren Barock-Elementen. Die außergewöhnlich große Monstranz wurde von Enrique de Arfe (1475-1545) gefertigt, einem bedeutenden Goldschmied zu jener Zeit, der auch in anderen großen spanischen Kathedralen tätig war.


Auch in anderen Vitrinen sind gold-glänzende Kostbarkeiten aus der nachmaurischen Nutzung des überdimensionalen Gebäudes zu bestaunen.


Mein Mund fühlt sich wegen des Flüssigkeitsmangels richtiggehend trocken an, ebenso die Lippen. Hoffentlich finde ich nach der Besichtigung bald etwas zu trinken. Nicht nur fühle ich mich körperlich erschöpft, sondern auch im Kopf bin ich inzwischen richtig müde geworden. Trotzdem pilgere ich noch ein wenig durch die zahlreichen Bogengänge in diesem friedlichen Gebäude und finde neben (oder vielleicht auch gerade wegen) meiner zunehmenden Schwäche eine tiefe innere Ruhe. Diese Empfindung einer übergeordneten Spiritualität lässt mich an die Unendlichkeit denken, was ich allein auf die Architektur der unzähligen Bögen zurückführen kann.






Mittlerweile sehne ich mich richtiggehend nach einem Sitzplatz und schlendere wieder zurück zum christlichen Altarraum. Die Motivation, das Gebäude noch weiter zu inspizieren, geht jetzt gegen Null. Doch ich denke, die bedeutendsten Gebäudeteile und Details gesehen zu haben. Am wichtigsten war mir sowieso der Gesamteindruck.

Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir nach der Besichtigung der Mezquita-Catedral unseren Aufenthalt in der Stadt langsam austrudeln lassen können. Doch die Blumenhöfe waren ja schon eine Fehlanzeige und die römische Brücke befindet sich auf der anderen Seite des mächtigen Kirchengeländes. Beide haben wir komplett die Lust verloren, wegen einer „doofen“ Brücke noch weiter in der Hitze und im Menschengewühl herumzulaufen, nur um dann eventuell wieder enttäuscht zu werden. Irgendwie bin ich mit Córdoba durch.
Bis zur geplanten Rückfahrt am Abend werde ich es einfach nicht mehr schaffen. Da es mir immer mieser geht, möchten wir unser Glück, wie schon in Granada, erneut versuchen und das schon vorgekaufte Busticket zugunsten eines für einen früheren Bus umtauschen. Mit dem Taxi geht es also wieder zurück zum Busbahnhof. Jetzt, am Wochenende, arbeitet hier aber kein Personal der Busgesellschaft ALSA. Ich soll den Busfahrer fragen. Es dauert ein wenig, es wird telefoniert und auch der Kollege im Nachbarbus kontaktiert, dann erhalten wir ein GO, auch weil der Nachmittagsbus fast leer ist. Ich bin so froh, dass wir dem Rummel der Stadt entkommen sind und schon früher wieder nach Málaga zurückfahren können. Was immer es neben dem akuten Flüssigkeitsmangel ist, was mich da erwischt hat, es muss auskuriert werden. Erst hier am Bahnhof habe ich in einem Shop Getränke gefunden, die aber niemals ausreichen werden, um meinen Durst zu stillen. Ich fühle mich wie ein dehydriertes Kamel, das wochenlang ohne Wasser durch die Wüste getrabt ist und jetzt einen ganzen Brunnen leer trinken könnte. In der Konsequenz haben sich nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch Kreislaufprobleme eingestellt. Mir geht es richtig übel. Nachdem ich mir sicher bin, dass meine Mutter für die Rückfahrt auf dem Behindertensitz hinter dem Busfahrer einen guten Platz hat, kann ich mich mit letzter Kraft zu der zum Glück leeren Rückbank schleppen und dort ausstrecken, um die Blutzirkulation zum Kopf hin wieder zu aktivieren. Es dauert fast eine Stunde, bis es mir etwas besser geht und ich aufrecht sitzen kann. Für den Weg zurück zu unserer Unterkunft nehmen wir vorsichtshalber ein Taxi, danach ist bei mir der Ofen restlos aus.

Die beiden folgenden Tage verbringe ich im Bett, total geschwächt, leicht fiebrig, mit einem Magen-Darm-Infekt. Meine Erinnerungen an diese Zeit ranken sich um einen langen, ausufernden, nicht enden wollenden Schlaf, einen in den kurzen Wachphasen unersättlichen Durst und träumende Gedanken an das mystische Unendlichkeitsgefühl in der Mezquita-Catedral.