Nicht weit entfernt von den Partal-Gärten gelangen wir wieder auf die Calle Royal, über die wir am Vormittag schon spaziert sind. Wie kontrastreich die laute und menschenvolle Atmosphäre nun zu der stillen Pracht der nasridischen Paläste mit ihrer nahezu vollkommenen Eleganz und Harmonie der architektonischen, über Jahrhunderte zurückreichenden Vergangenheit wirkt! Palast Karl V. Vor uns steht nun ein weiterer Palast, der im Gesamtzusammenhang vollkommen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Das Gebäude, das ab 1527 im Auftrag von Kaiser Karl V. errichtet und nie für den Bezug durch die Königsfamilie fertiggestellt wurde, passt nämlich überhaupt nicht zur Architektur der Nasridenpaläste. Wahrscheinlich war das auch nicht so gewollt, doch die unmittelbare Nähe zu den Palästen lässt vermuten, dass der Kaiser sich dieser Schönheit vielleicht zu eigenen Zwecken bedienen wollte.
Auch Washington Irving erging es bei der Betrachtung des Kaiserpalastes ähnlich wie mir. Zwar erkannte er den architektonischen Wert des unfertigen Palastes an, bestritt jedoch, dass er sich „harmonisch in die Umgebung“ einfügt. „Wie ein unerwünschter Eindringling schien er uns, anmaßend und stolz, und schnell gingen wir an ihm vorüber (...)“. (Irving, S. 51, s. Literaturliste) Wenn man jedoch von der Erwartung Abstand nimmt, dass dieser mächtige Bau eine Erweiterung der Nasridenpaläste sei, und sich auf den Palast als eigenständige Form einlässt, so fällt als erstes die Herausforderung auf, mit der die Architekten zu kämpfen hatten: nämlich einen kreisrunden Innenhof, um den sich zweigeschossig, hinter schattigen Arkadengängen die kaiserlichen Gemächer gruppieren sollten, in einen Gesamtbau mit eckiger Grundform zu integrieren. Für den Übergang von rund zu eckig hätten nasridische Baumeister wahrscheinlich Tonnen von Gips für Stalaktiten-Elemente verwendet. Davon ist im Palast Karls V. jedoch nichts zu finden. Als ich mir den Innenhof anschauen möchte, stelle ich fest, dass er vollkommen bestuhlt ist, wohl im Vorgriff auf eine spätere Veranstaltung.
Die Außenfassade ist mit eher plakativen Reliefs und Figuren verziert, die jedoch mit der nasridischen Kunst in ihrer Feinheit nicht vergleichbar sind.
Zisternenplatz Da wir nach der nun schon mehrstündigen Besichtigung überhaupt keine Lust mehr auf die Museumsräume im Palast Karls V. haben, verlassen wir das Gebäude und streben durch die Puerta del Vino (Weintor), über einen schönen Spazierweg entlang einer Außenmauer der Alhambra nun gezielt zur Plaza de los Aljibes, dem Zisternenplatz. Dieser verspricht endlich eine kleine Verschnaufpause, um uns zu erfrischen und das Gesehene sacken zu lassen.
![]() Auf der breiten Rest-Area kann man an einem Kiosk belegte Brötchen, Eiscreme, Getränke und andere Fastfood-Erzeugnisse erstehen. Bei all dem Gewusel auf dem Platz bekommen wir tatsächlich Sitzplätze auf einer Bank im Schatten und beobachten schlemmend, wie die Menschenmassen an uns vorbei unablässig dem Eingang der Paläste entgegenströmen. Es ist erheblich voller geworden, und so freuen wir uns darüber, den Rundgang durch die Palastanlage in einer angenehmen Atmosphäre und ohne nennenswertes Gedränge erlebt zu haben. ![]() Gerade hat sich eine größere Gruppe von Kindern auf und neben der schweren Abdeckung einer ehemaligen Zisterne mitten auf dem Platz eingefunden. Kein Gramm Ruhe finden die Kleinen, sind stetig in Bewegung. Ab und an schallen die Stimmen der Betreuer über den Platz, wenn sie einzelne Ausreißer wieder einfangen. Hier draußen ist das ganz unterhaltsam, aber bestimmt nicht bei einem gemeinsamen Rundgang durch die Nasridenpaläste. Alcazaba Am Ende brechen wir zur Besichtigung des ältesten Viertels der Burganlage auf, der Alcazaba, im Prinzip einem großen Hof, der von dicken Mauern mit hohen Wehrtürmen umgeben ist. Zügig durchqueren wir die Plaza de Armas, den Waffenplatz, und die ausgegrabenen Ruinen des Barrio Castrense, des Viertels, in dem die Soldaten untergebracht waren. Eine Seite wird von der großen Schildmauer begrenzt, die gegenüberliegende überragt der höchste Wachturm, der Torre de la Vela.
![]() Die Aussichtsplattform des mächtigen Torre de la Vela verspricht weite Blicke über die Stadt Granada hinaus und lockt die Besucher über viele Treppenstufen dort hinauf. Für uns kommt das aber überhaupt nicht in Frage. ![]() Der Weg beim Verlassen dieses Viertels führt entlang der Außenmauer der Alhambra erneut durch eine Gartenanlage, den Jardin de los Adarves, den Wallgarten, der hier im Vergleich zu den anderen Gärten der Alhambra schmal und wesentlich kleiner ausgefallen ist. Dennoch finde ich es schön, zum Abschluss hier hindurch zu spazieren und die letzten Ausblicke auf die Stadt Granada und die sie umgebende Landschaft wirken zu lassen.
Zurück am Zisternenplatz halten wir uns nicht mehr auf, sondern streben von plötzlicher Müdigkeit überfallen dem Ausgang zu. ![]() Halt, ein Taxenplatz! Das nächste Taxi wird uns gehören! Der aufmerksame Fahrer windet sein Gefährt mit Bedacht die engen Kurven den Burgberg hinunter und bringt uns zurück ins Zentrum Granadas, wo wir uns mittlerweile ein wenig auskennen. Rückfahrt nach Málaga In einer Bäckerei besorgen wir zunächst etwas Brot für das morgige Frühstück, danach ist noch üppig Zeit bis zu unserer Busabfahrt zurück nach Málaga. In der Stadt gäbe es noch einige Sehenswürdigkeiten zu erkunden, wie zum Beispiel die Kathedrale, doch wir fühlen uns nach der mehrstündigen Besichtigung der Alhambra einerseits im Hirn komplett überfrachtet und zum anderen körperlich wie leergepumpt. Auch wenn wir noch zum außerhalb gelegenen Busbahnhof müssen, wird die Zeit bis zur Abfahrt des Busses recht lang. Auf einer Bank sitzend beobachten wir außerdem, wie sich der Himmel langsam zuzieht und eine (gemeldete) Gewitterfront aufkommt. Schirme haben wir keine dabei. Um dem drohenden Unwetter zu entgehen, nehmen wir kurzerhand ein weiteres Taxi zum Busbahnhof. Unterwegs klatschen auch schon die ersten dicken Tropfen auf die Scheibe. Im Busbahnhof kann ich die für einen späteren Zeitpunkt gekauften Tickets gegen einen kleinen Aufpreis umtauschen, sodass wir einen früheren Bus nehmen können. Dieser ist, wie schon gestern bei der Hinfahrt, voll besetzt. Einige Fahrgäste schlafen oder dösen vor sich hin. Im Verlauf der zweistündigen, ruhigen Fahrt bleiben wir sowohl von Starkregen als auch von Gewittern verschont. Vielleicht bezog sich die Ankündigung auch nur auf Granada und Umgebung. Auf über 700 Metern Höhe herrscht sicherlich ein anderes Mikroklima als an der Küste. Die pünktliche Abfahrt bedeutet auch eine pünktliche Ankunft. Die letzten Meter zur Unterkunft wackeln wir im sonnigen Abendlicht zu Fuß leicht bergan und freuen uns, wieder in unserem schönen Apartment anzukommen. Abendbrot gibt es heute zu Hause, ein paar Fotos schauen wir uns an, quasseln noch ein wenig, dann gehen die Lichter für heute aus. Morgen werden wir einen Entspannungstag in Málaga einlegen. |