Die Privatgemächer der Sultane und ihrer Familien lagen in einem eigenen, vom Comares-Palast getrennten Komplex. Sie waren durch einen Bogengang erreichbar und gruppierten sich um den Patio de los Leones (Löwenhof). „(...) und wohl kein Teil und kein Saal der Paläste gibt einen vollkommeneren Begriff von der ursprünglichen Schönheit und Pracht der maurischen Alhambra als dieser Patio de los Leones, dem die Jahre, die Witterung und menschliche Raubgier wenig Schaden zugefügt haben.“ (Irving, S. 52, s. Literaturliste) ![]() Vom Brunnen mit den 12 steinernen Löwen in der Mitte des Platzes zweigen schmale Kanäle ab, die das Wasser in die im Boden angebrachten Becken in den Palasträumen brachten. ![]() Der größte Teil dieser Palastanlage wurde wohl erst nach 1350 errichtet und scheint vielleicht gerade deshalb in einem noch besseren Zustand zu sein als die beiden anderen Paläste, die wir schon gesehen haben.
![]() Der Umlauf um die Hofmitte erinnert ein wenig an den Kreuzgang in christlichen Klöstern und Kirchen, dort mit gotischen Spitz- oder romanischen Rundbögen überwölbt, hier mit Muqarnas (spanisch: Mocárabes, deutsch: Stalaktitengewölbe) verziert. Diese Elemente aus Gips wirken ein wenig wie Bienenwaben oder Stalaktiten in Tropfsteinhöhlen.
![]() Sala de los Abencerrajes In der Sala de los Abencerrajes (Saal der Abencerragen), soll sich - der Erzählung nach - die Ermordung dutzender Angehöriger des gleichnamigen Herrschergeschlechts zugetragen haben. Angeblich wird dieser Raum seither entsprechend benannt. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist nicht bewiesen. Die letzten 100 Jahre vor dem Fall der Nasriden in Granada sind jedoch von Machtkämpfen zwischen einzelnen Mitgliedern der Dynastien gekennzeichnet. Anders als in den Prachtsälen des Comares-Palastes ist das mächtige, achteckige Deckengewölbe im Abencerrajes-Saal noch erhalten geblieben. 16 eingelassene Fenster lassen das Licht von oben durch die Kuppel scheinen. Früher waren die Stalaktiten-Gewölbe noch auffallender gestaltet, mit Farbe bemalt und prachtvoll mit Blattgold verziert. In den Räumen des Löwenpalastes erreichen sie ihre Vollkommenheit.
![]() Sala de las dos Hermanas Auch die Sala de las dos Hermanas (Saal der Zwei Schwestern) zeugt noch heute von vergangener Pracht und Herrlichkeit. Nicht nur die gut erhaltene Kuppeldecke wurde in feinster Arbeit mit unzähligen Einzelelementen gestaltet. ![]() Ursprünglich sollten Muqarnas rein funktional einen eleganten Übergang von einer Kuppeldecke in einen rechteckigen Raum, schaffen. In diesem Raum hat man auch die Wände selbst mit dieser Art von Gipsarbeiten verziert.
![]() Ajimeces-Saal Die Besonderheit des sich anschließenden Ajimeces-Saals, der durch Doppelbögen vom Saal der Zwei Schwestern getrennt ist, liegt einerseits in der Ausschmückung der Wände und Fensterbekrönungen mit ausgefeilten Stuckelementen; andererseits begeistert die Aussicht auf den ruhigen Lindaraja-Hof durch die Zwillingsfenster (span.: Ajimeces).
Blick in den Durchgang vom Saal der Zwei Schwestern in den Ajimeces-Saal
Die Besichtigung dieser Räumlichkeiten gehört für mich zu den am meisten inspirierenden und erfüllenden Erlebnissen unseres Rundgangs. Solch‘ eine edle Ausgestaltung von Wänden und insbesondere von Decken habe ich in dieser Form noch nie gesehen! Zum nächsten Gebäudeteil gelangt man über einen langgezogenen Balkon, mit Aussicht auf den mit weißen Gebäuden und Zypressen übersäten Albaicin-Hügel. Vielleicht standen genau an dieser Stelle schon vor Jahrhunderten Mitglieder nasridischer Dynastien und träumten sich hinaus in eine Welt voller Abenteuer, lebendiger Musik und täglichen Herausforderungen; oder sie machten sich bewusst, welch‘ ein privilegiertes Leben sie ohne eigenes Zutun von Geburt an führen durften und warfen einen Blick auf ihre Untertanen, die dort gegenüber ihre Wohnsitze hatten. ![]() Am Ende führt unser Weg durch einige fensterlose Räume aus schmucklosen Ziegelsteinen, die früheren Bäder der Herrscherfamilien, die im heißen Sommer eine angenehme Kühle versprachen. Noch ziemlich überwältigt von der Besichtigung des Löwenpalastes verlassen wir langsam die Gemächer, treten wieder in den Löwenhof hinaus, wo wir ein letztes Mal die filigranen Säulen bewundern, die Tonnengewichte zu stemmen haben, und dennoch so leicht und anmutig wirken. ![]() |