Alhambra
> Annäherung, Generalife <


Annäherung
Man stelle sich vor, die Burg, in der aktuell jährlich etwa 2,7 Millionen Besucher herumspazieren – das sind mehrere Tausend täglich – wäre in einem Zustand wie vor ihrer umfassenden Renovierung im 19. Jahrhundert: zum Teil verfallen, stückweise einfach weggesprengt, beschädigt und von der Öffentlichkeit fast vergessen. Und dann kommt ein Wandersmann daher, kein Geringerer als der Schriftsteller Washington Irving, der sich aus irgendwelchen Gründen auf seiner Wanderung von Sevilla nach Granada im Jahr 1829 die verwahrlosten Gemäuer des ehemaligen Sultanspalastes anschauen möchte. So wie er würde man, nachdem man mit den wenigen Bewohnern kurz Kontakt aufgenommen hat, auf eigene Faust und allein durch die verfallenden Mauern streifen und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Fasziniert von den unzähligen alten, verblassten Schriften und Ornamenten, die auf den staubbedeckten Wänden hervorblitzen, und der Ahnung, wie einzigartig die Innenräume der großen Palastanlage mit ihren spektakulären Deckengewölben ausgestattet waren, würde man sich wie ein Entdecker fühlen, der gerade Troja ausgegraben hat. Und in der Folge würde man einfach beschließen, hier zu bleiben und Zeit in dem knirschenden und ächzenden Gemäuer zu verbringen.


Vielleicht war es bei Irving – wie bei manch anderen Reisenden zu der Zeit – die romantisierte Sehnsucht nach dem verheißungsvollen Orient, der sich durch die Herrschaft der Mauren über Al-Andalus bis auf das europäische Festland ausgedehnt hatte.

Wer waren die Mauren?
Die Mauren waren eine heterogene Bevölkerungsgruppe aus Arabern und nordafrikanischen Berbern, die ab dem 8. Jahrhundert aus dem Maghreb nach und nach die iberische Halbinsel (bis auf einen breiten Streifen im Norden) fast komplett eroberten und dort bis 1492 eine über Jahrhunderte währende Herrschaft begründeten. Dieses Territorium ist unter dem Begriff Al-Andalus bekannt. Großartige Bauwerke aus jener Zeit gehören heute zu den touristischen Hotspots Andalusiens, wie der Alcázar-Palast in Sevilla, die Mezquita-Catedral in Córdoba und die Alhambra in Granada.
Infoquelle v.a. Wikipedia: Mauren

Bestimmt bewegte auch die Größe und Mannigfaltigkeit der Anlage in ihrer Gesamtheit den Reisenden zum Bleiben, um alles im Detail und in Ruhe zu studieren und auf sich wirken zu lassen. Auf jeden Fall erkannte Irving die einzigartige Chance, die in seinem längeren Aufenthalt lag, um nicht nur die Anlage, sondern auch Land und Leute drum herum besser kennenzulernen. Sein dreimonatiger Aufenthalt mündete schließlich in eine Sammlung von 30 Erzählungen von der Alhambra (Pkt. 4 der Literaturliste). Sie beschreiben nicht nur die ehemalige Palastanlage, sondern auch seine Begegnungen mit den Menschen dort und Legenden, die sich um die Alhambra ranken. Durch die Verbreitung seines Buches war die Idee der Wiederbelebung und Notwendigkeit einer umfassenden Restaurierung geboren, die 1984 zur Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO führte. Die Zugänglichmachung für alle Interessierten, die sich aus den verschiedensten Ländern hier einfinden, kann als ein großes Geschenk angesehen werden.

Die Geschichte des Besuches von Washington Irving in der Alhambra erinnert an die Wiederentdeckung von Petra in Jordanien durch den Schweizer Johann Ludwig Burckhardt im Jahr 1812, also ebenfalls in dieser Epoche der Orientreisenden, nachdem es über Jahrhunderte in der Bedeutungslosigkeit versunken war. Seine Berichte waren letztendlich die Initialzündung für Ausgrabungen, die Erforschung von Höhlen, Gräbern und anderen Monumenten und damit die touristische Erschließung der Anlage.

Für einen Besuch der Alhambra tut man gut daran, die Tickets weit im Vorhinein zu buchen. Für 12 EUR pro Person (ermäßigter Senioren-Preis) hatte ich sie schon ein halbes Jahr vorher online gekauft. Ein guter Entschluss, wie sich herausstellte, denn der Wirt unserer Wohnung in Málaga hatte uns ja beim Einchecken darauf hingewiesen, dass auch jetzt alle Tickets bis in den Oktober hinein ausgebucht seien.
Als ich morgens in unserer Unterkunft in Granada schon um 6 Uhr aufwache, schaue ich mir auf der Internetseite der Alhambra noch weitere Details zu unserem Besuch an. Das Herz der Anlage sind ja die Nasridenpaläste, für deren Besuch man beim Buchen eine genaue Zeit angeben muss. Die anderen Teile der Anlage sind ohne zeitliche Begrenzungen zugänglich, wie der Palast von Karl V. (in dem Herr Irving residierte), das darin befindliche Museum, die Alcazaba (das Bollwerk) mit den Wehrtürmen, die Gartenanlagen ebenso wie das Generalife (die Sommerresidenz der Herrscherfamilien).

Wer waren die Nasriden?
Das muslimische Herrschergeschlecht der Nasriden stammt ursprünglich von einem alten arabischen Stamm ab, der sich als einer von mehreren im Zuge der maurischen Herrschaftszeit auf der iberischen Halbinsel etablierte. Zwei Jahrhunderte nach dem Niedergang des Kalifats von Córdoba und der daraus resultierenden kleineren Königreiche und Berberdynastien, gründete sich 1238 das Emirat von Granada als politisches Zentrum der muslimischen Herrschaft über einen großen Teil Andalusiens. Es wurde von den Nasriden regiert, die ihren Sitz auf dem Burgberg von Granada einrichteten und die bereits bestehenden Gebäude erheblich erweiterten. 1492, nach dem endgültigen Sieg der katholischen Könige in der Region, endete nicht nur die Herrschaft der Nasriden, sondern die der muslimischen Herrscher auf der iberischen Halbinsel insgesamt.
Infoquelle spanische Wikipedia: Granada

An diesem Morgen entdecke ich auf der Infoseite der Alhambra eher zufällig, dass man sich bereits eine Stunde vor Eintritt in die Nasridenpaläste an deren Zugang einfinden soll. Da ich kein Spanisch kann, bin ich mir nicht sicher, ob sich das auch auf Besucher bezieht, die schon Tickets haben, oder nur auf solche, die sie noch abholen wollen. Falls man den Termin verpeilt, würde der Zeitslot für die Besichtigung der Paläste jedenfalls verfallen! Also besser pünktlich sein!
Das alles hat wohl damit zu tun, dass die eh schon üppig besuchte Alhambra nicht schwallweise verstopft wird, sondern in einem steten Strom von Besuchern durchlaufen werden kann.
Ich möchte kein Risiko eingehen und wecke meine Reisebegleiterin. Eine Tasse Kaffee und eine kleine Süßigkeit bringen uns auf Trab. Schnell unsere paar Sachen gepackt, die Wohnungsschlüssel können wir auf dem Wohnzimmertisch lassen, und schon sind wir unterwegs zur Bushaltestelle, die man uns gestern Abend gezeigt hat.


Dort müssen wir gar nicht lange warten, bis uns einer der brechend vollen Shuttlebusse aufliest. Dass meiner gehbehinderten Mutter ein Sitzplatz angeboten würde, braucht man im Touristenpulk nicht zu erwarten, ganz im Gegenteil zu den vorwiegend von Einheimischen genutzten Bussen des „normalen“ ÖPNV. Die Fahrt den Berg hinauf dauert aber auch nicht lange. Am Eingang zur Anlage erhalten wir die Mitteilung, uns etwa eine Viertelstunde vor dem Besuch der Nasridenpaläste dort einzufinden.


Alhambra-Wald und Generalife
Bis dahin haben wir noch eine Stunde Zeit und genießen zunächst ausgiebig die feine Morgenstimmung, als wir im weichen Licht auf einem breiten Weg durch die grüne Vegetation des Alhambra-Waldes schlendern.




Zwischen den Baumreihen mit den noch langen Schatten erhalten wir unglaublich schöne Blicke auf einen Teil der Burganlage und die Stadt Granada im Hintergrund.


Die Gärten des Generalife, die in einem langgezogenen Rechteck an die ehemalige Sommerresidenz der nasridischen Herrscherfamilie grenzen, schließen sich an diesen Wald an. An einer Seite, gleich zu Beginn, befindet sich eine breite Treppe hinter einem Areal, das für Veranstaltungen genutzt und daher mit „Theater“ bezeichnet wird. Oberhalb der Treppe wurden dicht stehende Zypressen zu einer Hecke beschnitten, die die Gärten wie einen blickdichten Riegel von der Freifläche abgrenzt. Schmale Durchlässe erinnern an Tore, über die man nun die Gartenanlage zentral betritt.




Es sind nicht nur die wunderschön arrangierten Beete mit den verschiedenen Rosen, die meisten davon voll und üppig blühend, die auf Anhieb so reizvoll wirken. Auch kleinere Details wie Brunnen, Wasserbecken, Rosenbögen oder die in Mustern gelegten Kieselsteinwege zwischen den Pflanzenbeeten erfreuen das Auge. Ständig entdeckt man Neues. Um es mit Irvings Worten zu beschreiben: „Es ist ein Wunderwerk der Gartenbaukunst mit märchenhaften Blumenarrangements, an deren Ausführung bestimmt Generationen feinsinniger Künstler arbeiteten.“ (Irving, S. 61, s. Literaturliste)














Eine ganze Stunde wandern wir zwischen den Beeten und genießen das morgendliche Licht, das die üppigen Blüten zum Leuchten bringt.




Bei der Vorbereitung unseres Rundgangs durch die Alhambra hatte ich diesen Teil der Anlage eigentlich vernachlässigt und, nach der Besichtigung der Hauptanziehungspunkte der Alhambra, nur als eine weitere Möglichkeit zum Ausklang des Besuches erachtet. Doch jetzt bin ich sehr froh darüber, dass wir uns die bewundernswerten Gärten schon zu Beginn anschauen konnten, denn für uns gehören sie (jetzt am Morgen, mit nur wenigen weiteren Touristen) zu den Höhepunkten unseres Besuchs, wie wir später konstatieren werden.


Letztendlich beeindruckt die Gartenanlage in ihrer Gesamtheit, vor allem auch mit grandiosen Ausblicken über die Pflanzenbeete hinweg, hinüber zur Burg.


Leider reicht die Zeit nicht mehr, um auch noch den Generalife-Palast selbst mit den verschiedenen Gebäudeteilen, Patios und Pavillons, den „romantischen Aussichtspunkt“, Überreste eines Aquädukts und weitere Gärten zu besichtigen. Doch wir werden heute noch viel mehr zu sehen bekommen.