Granada mit Albaicin-Hügel


Anreise nach Granada
Heute Morgen machen wir uns schon früh auf den Weg zum Busbahnhof. Ich hatte noch 5 Minuten zu meinem gestrigen Fußweg dazugegeben, doch die werden nicht reichen. Die Schnelligkeit meiner Reisebegleitung hatte ich dabei überschätzt, sodass wir auf den allerletzten Drücker am Bussteig ankommen. Dennoch bekommen wir einen Platz mit guter Sicht im vollbesetzten Bus und fiebern der Abfahrt entgegen.
Bei wolkenverhangenem Himmel verlassen wir Málaga pünktlich, und nach kurzer Zeit schon geht es bergan. Ein paar Blicke auf die Ausläufer der Stadt, dann befinden wir uns in ländlichem Gebiet und erreichen eine Hochebene, die wir auf der zweistündigen Fahrt, ohne Zwischenhalt, bis nach Granada durchqueren werden.
Vor unseren Augen breiten sich Olivenfelder aus, die scheinbar bis zum Horizont reichen! Die flirrenden Blätter unendlich vieler kleinerer, aber auch noch etlicher alter Bäume verlieren sich in einer olivfarbenen Pracht, die kein Ende zu nehmen scheint. Spanien gilt als Europas größter Olivenölhersteller, obwohl uns Italien und Griechenland - wenn auch mit gehörigem Abstand in der Erzeugermenge - ebenfalls mit sehr guten und schmackhaften Ölen versorgen.
In unserem Esslokal in Málaga konnten wir an den beiden vorangegangen Abenden grüne Oliven kosten, deren saftiges Fruchtfleisch zwar einen leicht bitteren, dennoch sehr delikaten Geschmack hatte. Diese Sorte werden wir auch an anderen Tagen in Málaga in verschiedenen Lokalen wiederfinden. Vielleicht kommen sie aus der Region, die wir gerade durchqueren, denn der Lieferweg ist ja nicht weit.
Bei meinen Überlandfahrten durch Griechenland sind mir noch riesige Oliven-Plantagen in Erinnerung, wie in der Gegend um Volos, in Richtung Pilion, im Inneren des Peloponnes und natürlich auf Kreta. Doch nirgendwo hat sich vor meinen Augen eine mit Olivenbäumen dicht bepflanzte Landschaft so weit ausgedehnt, wie auf dieser Hochebene in Andalusien. Die Bedingungen dafür scheinen hier wirklich außerordentlich gut zu sein.
Natürlich stellt sich die Frage nach der Bewässerung der Bäume. Mit bloßem Auge ist vom Bus aus jedenfalls nichts zu erkennen, doch auf der Karte sieht man, dass die gesamte Gegend von schmalem Wasserläufen durchzogen ist. In letzter Zeit hat man in den Medien viel über die akute Wasserknappheit im Inneren Spaniens (insbesondere im Sommer), aber auch über das drohende Versiegen von Grundwasserressourcen erfahren. Alternative Projekte zur Wassergewinnung im Inland geben Mut zur Hoffnung, doch ob sich diese auf das Meer der hier wachsenden Olivenbäume ausdehnen lässt oder der Einfachheit halber einfach die Grundwasserspeicher leergepumpt werden, sei dahingestellt. Allerdings kann man sich vorstellen, was für einen schmerzlichen Verlust ein Ernteausfall zum Beispiel aufgrund von Unwettern, extremen Dürrejahren oder auch generell des Klimawandels für die zahlreichen Landwirte, ihre Familien und Angestellte bedeutet, die auf Oliven gesetzt haben und vom Anbau und Ertrag leben.
Seit einigen Jahren muss man sich zur Erntezeit vermehrt mit bandenmäßigen Olivendiebstählen im großen Stil befassen. Mit Kettensägen rücken die Räuber des Nachts an, schneiden die voll beladenen Äste einfach ab und fügen den Bäumen noch zusätzliche Beschädigungen zu. Die Größe der Felder stellt die Ordnungskräfte dabei vor unlösbare Probleme, sodass die Landwirte und Betreiber von Olivenmühlen zur Erntezeit ihre sowieso schon arbeitsintensiven Tage noch auf nächtliche Patrouillen ausdehnen müssen. Eine sehr nervenaufreibende Sache, wie man verschiedenen Dokumentationen (unter anderem „Wut auf Spaniens Olivendiebe“ entnehmen kann.
Doch von all diesen Probleme ahnen die Besucher nichts, wenn sie die dicht an dicht grenzenden Plantagen durchfahren und sich unvergessliche Bilder der einzigartigen Bepflanzung in dieser Größenordnung einprägen.

Rechts und links der Schnellstraße (A92) tauchen ab und an Gehöfte und meist kleinere, landwirtschaftlich geprägte Ortschaften auf. Hin und wieder erkennt man Gewerbegebiete, die die Anwohner im Umland versorgen.
Auf eine lange Tradition kann die Kleinstadt Loja zurückblicken, deren Besiedlung schon auf vorrömische Zeit zurückverfolgt werden kann. Sie liegt am Rio Genil und verfügt über Schulen und ein Gesundheitszentrum. Den Fluss selbst bekommen wir vom Bus aus hier nicht direkt zu sehen. Doch nur wenig später erkennen wir Wasserläufe, die jetzt rechts und links der Fahrstrecke verlaufen. In einigen Senken hat sich das Wasser sogar in kleinen, natürlichen Becken gestaut.
Eine weitere Kleinstadt, Huétor-Tájar, etwa auf halber Strecke durch die Ebene, ist insbesondere durch ihren Spargelanbau bekannt. Die Landschaft um diesen Ort wird ebenfalls vom Fluss Genil mit seinen zahlreichen Nebenflüsschen und Kanälen bewässert. Zurzeit wird auf den Äckern gearbeitet, wo auch anderes Gemüse gedeiht. Im weiteren Verlauf der Fahrroute lockern nun auch Felder mit Weinreben die Monokultur der Olivenplantagen etwas auf.

Wenn auch bei unserer Abfahrt wegen der dunklen Bewölkung eher Regen drohte, so hat es schon längst aufgeklart, und nur noch wenige kleine Wölkchen begleiten unsere sonnige, wunderschöne Fahrt durch diese fruchtbare Landschaft.
Im Hintergrund hat sich an diesem perfekten Frühlingstag eine Gebirgskette, zunächst noch verschwommen als grauer Riegel, in unser Sichtfeld geschoben. Beim Näherkommen an die Stadt Granada kann man immer klarer auch Details der Sierra Nevada erkennen, wie etwa die noch vorhandenen, großen Schneefelder. Später werden wir noch weitere und bessere Eindrücke davon erhalten. Dieser Bergkamm begrenzt das Gesamtbild auf der riesigen Hochebene auch für das Auge auf interessante Art und Weise.


Ankunft in Granada
Schließlich kommen wir an der größeren Estación de Autobuses im Nordwesten von Granada an. Als wir den Bus verlassen, müssen wir gleich unsere Jacken anziehen. Spürbar andere Wetterbedingungen herrschen hier, auf knapp 740 Meter Höhe, als an der Küste.
Obwohl wir für unseren Aufenthalt 2 Tage eingeplant haben, haben wir unser Gepäck sehr klein gehalten, sodass wir es bis zum Einchecken in der Unterkunft mit uns leicht herumtragen können, denn bis dahin sind noch mehrere Stunden Zeit.
Die Alhambra steht erst morgen auf unserem Programm, heute ist Zeit für die Erkundung der Stadt selbst. Bei der Vorabplanung ist mir aufgefallen, dass der Weg vom Busbahnhof zur City mit danach noch stattfindenden Besichtigungen für meine Reisebegleitung zu Fuß nicht machbar sein wird. Auch liegen die Ziele selbst etwas weiter auseinander, wie die über den Fluss Genil führende, markante Brücke aus römischer Zeit, nicht weit entfernt die große Kathedrale von Granada oder die Plaza de Toros.
Ins Auge ist mir das alte, maurisch geprägte, nicht gerade kleine Stadtviertel Albaicin gestochen, von dem viele Reisende so schwärmen. Doch wo soll man die Besichtigung beginnen? Im Internet bin ich glücklicherweise auf einen Rundweg gestoßen, der fast alle Sehenswürdigkeiten dort abklappert. Er beginnt an der Calle Elvira, die in einer langen Geraden nordöstlich des Stadtzentrums verläuft.


Mit einem Taxi gelangen wir vom Busbahnhof auch hier für erstaunlich wenig Geld zum ersten Ziel, der Plaza Nueva de Granada, an der die Calle Elvira entlangführt. Das markanteste Gebäude dort ist die ehemalige Königliche Kanzlei, ein Verwaltungsgebäude aus dem 16. Jahrhundert.




Trotz der vielen Touristen wirkt der Platz sehr ansprechend. Das liegt auch am eingedämmten Autoverkehr, der nur mit Zugangskarten (wie für Taxifahrer) erfolgen darf, denn ausfahrbare Poller versperren in der Regel die einfache Durchfahrt.


Spaziergang über den Albaicin-Hügel
Mit Maps habe ich zu Hause den Rundweg über den Albaicin-Hügel mit den Straßenangaben vorgeplant und ausgedruckt. Doch irgendwie scheitere ich in der Praxis schon an der ersten Kreuzung. Die Straße, die ich zum Abzweig suche, finde ich hier einfach nicht. Langsam beginne ich an meinen Kartenlesefähigkeiten zu zweifeln, denn auch die Online-Variante bringt keine erhellenden Erkenntnisse. Eigentlich wäre es ein schöner Spaziergang durch das Herz des an einem Hügel gelegenen Viertels gewesen, doch kurzerhand nehmen wir Abstand davon und verlassen uns auf unsere Intuition. Diese führt uns zunächst durch eine schmale Gasse, über glitschige Pflastersteine, an einem vollen Touristeninformationsbüro vorbei, eine steile Rampe hinauf und wieder hinunter, über Stock und Stein, schließlich in eine Sackgasse und wieder zurück. Solche Umwege sind wirklich nicht nötig, wenn man eh schon bewegungseingeschränkt ist und zusätzlich von Angst, auf dem Pflaster hinzuknallen, begleitet wird. Vertrödelte Zeit und unnütz belastete Knie. Wir müssen einen anderen Weg finden, um zum Ziel zu kommen.




Immerhin erkenne ich jetzt, wo wir uns befinden, nämlich auf dem (beim Rundgang angegebenen Rückweg) Carrera del Darro, entlang des gleichnamigen Flusses. „Einmal, lang ist’s schon her, war er wegen seines Reichtums an Gold berühmt, und gelegentlich wird noch Sand gereinigt und von armen Leuten beiderlei Geschlechts nach dem kostbaren Metall durchsucht.“ (Irving, S. 60f, s. Literaturliste) So erzählt Washington Irving vom Hören-Sagen über den Fluss Darro. Und dass die einzelnen Häuser dort am Hang ehemalige Landsitze von Granadas Größen waren.


Der steinerne Koloss jenseits des Flüsschens wirkt wie der Überrest eines massiven Brückenpfeilers, der seine ursprüngliche Bestimmung längst verloren hat. Zumindest soll es einmal eine Brücke zwischen Albaicin und Alhambra gegeben haben. Es könnte sich auch um einen Teil einer alten Mauer handeln, die das Alhambra-Gelände vielleicht zum Fluss hin einmal umgeben hat.


Rechterhand, auf unserem weiteren Weg entlang des Flüsschens, steht eine Kirche, die San Pedro y San Pablo aus dem 16. Jahrhundert. Während ich draußen ein paar Fotos mache, singt sich eine Flamenco-Sängerin (ohne Kostüm) vor dem Tor zum Kirchengelände die Seele aus dem Hals. Ich finde ihren Gesang ein wenig zu dick aufgetragen, aber vielleicht muss das auch so sein.




Direkt gegenüber der Kirche befindet sich in der Casa de Castril das Archäologische Museum Granadas, in dem Exponate von der Altsteinzeit bis zum Mittelalter ausgestellt sind.


Nicht weit entfernt davon trennt ein kleiner Platz unseren Spazierweg, den Carrero del Darro, vom Paseo del Padre Manjón. In einem der Cafés dort sehen wir den Freuden einer Süßigkeit entgegen. Obwohl nicht viel Betrieb ist, harren wir eine halbe Ewigkeit, bis Kaffee und Süßspeise zu unserem Tisch gelangen. Im Laufe unseres Aufenthaltes in Spanien werde ich noch öfter an meine nicht allzu weiten Geduldsgrenzen stoßen, doch werde ich in diesem Urlaub auch lernen, mein Tempo zurückzufahren. Es ist gar nicht so schwer. 😆
Wir können es ja nicht ändern, dass die Kellner so ewig brauchen, und so nehmen wir uns Zeit, unterhalb der mächtigen und beeindruckenden Außenmauern der Alhambra etwas zu entspannen.


Auch zu dieser Tageszeit erscheint das Gestein rötlich, zum Sonnenuntergang hin soll es richtig rot schimmern. Dieser Besonderheit wurde schon zu muslimischen Zeiten in der Namensgebung Rechnung getragen, denn Alhambra bedeutet – in Anlehnung an die arabische Bezeichnung – nichts anderes als Die Rote.


Morgen werden wir in diese mittelalterliche Welt der maurischen Herrschaftszeit eintauchen, doch die nächsten Stunden bleiben dem Albaicin vorbehalten.

Mittlerweile hat der Wind bei abwechselnd Sonnenschein und leichter Bewölkung ordentlich aufgefrischt, sodass von den Bäumchen des Blauen Goldregen, unter denen wir sitzen, bei jedem Windstoß Blüten in unseren Kaffee regnen. Daher vielleicht auch der Name. 😳
Junge Musikanten haben auf dem kleinen Platz vor unserem Café mit Gitarrenmusik angefangen, einfach so aus Spaß an der Freud‘. Eine sehr schöne Stimmung gerade.
Zwar nicht in großen Gruppen, aber dennoch unaufhörlich strömen Menschen über den Flussuferweg der Alhambra entgegen, denn in der Nähe kann man den Darro überqueren und bis zum Eingang der Burg gelangen. Auch Shuttle-Busse nehmen unterwegs Besucher auf und quälen sich dann durch die schmale, vollgestopfte Gasse über diese Seite den Weg bergan.

Währenddessen haben wir uns entschieden, nicht mehr einfach aufs Geradewohl über den Hügel herumzustreunen, sondern konkret den Mirador de San Nicolas aufzusuchen. Der Aussichtspunkt befindet sich an einem der höchsten Punkte des Albaicins und verspricht eine tolle Sicht auf die Alhambra, die Stadt Granada und die gesamte Umgebung.
Vom Café aus führt direkt gegenüber eine Gasse dorthin, hat man mir beim Bezahlen beschrieben. Bevor wir uns wieder verlaufen, versuche ich es sicherheitshalber erneut mit Google, doch der zwingt uns durch enge, steile, von den Schuhen unzähliger Besucher blank-gewienerte Kieselsteinstraßen. Meine Mutter hält sich tapfer. Es ist auch nicht der steile Anstieg, der ihr zu schaffen macht. Lediglich die Treppenstufen, die unterwegs eingebaut sind, müssen auch aufgrund der Pflasterung langsam und mit Bedacht genommen werden. Die Wanderstöcke leisten ihr auf jeden Fall gute Dienste. Für den Rückweg müssen wir uns jedoch eine alternative Route suchen, die vielleicht länger, aber nicht so steil ist. Wir werden sehen.
Trotz aller Beschwernisse erfreuen wir uns an der Architektur der Gässchen und den Ausblicken, die man an manchen Stellen auch schon auf halber Höhe erheischen kann. Immerhin ist der Mirador jetzt ausgeschildert.




Mirador de San Nicolas
Bei unserer Ankunft dort oben werden wir nicht enttäuscht. Der Blick geht über Granada und die Stadtgrenzen hinweg in die weite Ebene.


Die wuchtige Anlage der Alhambra mit den schneebedeckten Bergen der Sierra Nevada im Hintergrund ist natürlich der Eye-Catcher. Der Ausblick ist atemberaubend und lässt uns alle Mühen des Aufstiegs vergessen.


Stets wechselnde Schattenspiele der Wolken auf Teilen des Gebirges verhüllen seine Bergspitzen oder geben ganz plötzlich eine erstaunlich klare Sicht darauf frei. Bitterkalt muss es auf knapp dreieinhalbtausend Metern immer noch sein.


Viele junge Leute, vielleicht Schulausflugsklassen, haben ebenfalls den Weg hierher zum Mirador de San Nicolas gefunden und ergötzen sich an der fetzigen Musik, die von einem ebenfalls jungen Ensemble dargebracht wird. Bamboleo, Volare, Flamencomusik und andere Gassenhauer werden in schwungvollem Tempo dargebracht. Ab und an geht die Tip-Box herum, alles unter den Augen zweier streng dreinblickender Polizisten, die das Treiben auf dem Platz im Auge behalten.
Das Publikum hat mittlerweile gewechselt. Viele Spanier, einige Franzosen, US-Amerikaner und Ostasiaten genießen wie wir die einzigartige und imposante Aussicht, ein echtes Highlight unseres Besuches in Granada. Fast eine Stunde bleiben wir hier oben.


Der Albaicin ist das älteste Stadtviertel Granadas, das auf eine Bewohnung schon in spätantiker Zeit zurückblickt. Auf den Resten dieser ersten Siedlung wurde das Viertel nach der maurischen Besitznahme erweitert, und vor dem Bau der Alhambra auf dem Platz des Mirador de San Nicolas die erste maurische Palastanlage in Granada errichtet. Um diese gruppierten sich dann nach und nach die Wohnviertel, die zu einer eigenen Stadt in der Stadt Granada zusammenwuchsen, mit eigener Verwaltung, Moscheen, Wasserversorgung und Produktionsstätten vieler Güter. Während der Herrschaft der nasridischen Dynastie in der Alhambra (auf der gegenüberliegenden Anhöhe) waren es die Wohlhabenden, die auf dem Albaicin-Hügel bis zum Ende der maurischen Zeit in Andalusien residierten. (vgl. Die Alhambra und Granada, S. 236f, s. Literaturliste) Und so wirkt das Viertel auch heute noch.
Im Vorfeld unseres Besuches hatte ich es mir etwas anders vorgestellt, eher wie die offenen Anafiótika in der Pláka von Athen. Zwar gibt es auf dem Albaicin-Hügel vereinzelt auch einige kleinere Gebäude, doch die unzähligen, mehrgeschossigen Wohnhäuser, die dicht an dicht nebeneinander gebaut wurden, sind von ebenso hohen Mauern umgeben und lassen den Blick in die wie abgeschottet wirkenden Innenhöfe nicht zu.


Um den Albaicin-Hügel wieder hinabzusteigen, wählen wir die entgegengesetzte Richtung zu unserem Aufstieg. Einige Straßenzüge mit weniger Gefälle machen das Gehen zwar leichter, doch gerade im unteren Teil wird es dann doch wieder sehr steil.


Kleine Malerwinkel, winzige offene Plätze, hat man geschaffen, um dem steilen Gefälle der Straßen zu begegnen. Sie lockern die strenge Gassenführung etwas auf.






Auch in Granada, gibt es kritische Gedanken der Anwohner zum Touristenansturm in ihrer Stadt. „Albaicin gegen Massentourismus", heißt es auf einem Transparent, das wir an einem Balkongeländer entdecken.
An einer Treppe mit glitschigen Pflastersteinen haut es eine Frau, die uns mit ihrem Partner gerade schwungvoll überholt hat, kopfüber aus den Socken. Den Partner zieht sie beinahe noch mit, doch der fängt den Sturz mit einer Hand an einer Hausmauer auf. Schreck lass nach! Zum Glück ist alles nochmal halbwegs gut gegangen.
Die steile Gasse mündet schließlich in ein zentrumsnahes Sträßchen mit wesentlich weniger Gefälle und touristischen Andenken-Lädchen. Aus einigen von ihnen stinkt es übel nach Plastik. Es ist doch überall dasselbe. Hier hat die Verkaufsstrategie zu einem arabischen Touch im Andenkensortiment geführt, in Anlehnung an Zeiten, die schon lange vorbei sind.


Als ich in einem winzigen Laden eine Flasche Wasser erstehe, erklärt mir der Verkäufer, der sich einen lustigen, roten Fes über den Kopf gestülpt hat, dass die Musik im Hintergrund Kanun-Musik sei. Die hört sich wirklich interessant an, ganz andere Klänge für unsere mitteleuropäischen Ohren.


Zurück im Zentrum
Als wir den Albaicin schließlich verlassen haben, empfängt uns wieder eine größere Menschenmasse und jede Art von Verkehrsmitteln. Langsam wird es Zeit, uns auf den Weg zur Unterkunft in der Calle de Santiago 30, am Rande des Zentrums, zu machen. Bis wir diese schließlich gefunden haben, hat uns Google Maps schon wieder kreuz und quer herumgeschickt, bis ich merke, besser der Grafik als dem gesprochenen Wort zu vertrauen. Endlich erreichen wir über winzig enge Bürgersteige der langen Geraden der Calle de Santiago mit viel Verkehr auf der Straße und Fußgängern kreuz und quer, unsere Unterkunft, die sich als sehr spartanisch und ein wenig abgewohnt entpuppt. Tassen, Teller, Gläser, Besteck gibt es zwar, aber das war’s auch schon. Keine Tücher, nichts. Nun ja, die Betten sind OK, aber alles ein wenig lieblos und nüchtern gestaltet. Für eine Nacht ist es Ordnung, doch länger würden wir hier nicht gerne bleiben wollen.
Immerhin ist der junge Vermieter nett, jedoch in so Eile, dass ich vergesse, ihn nach dem Bus zur Alhambra zu fragen. Einheimische zeigen mir später den Weg zur Haltestelle für den Shuttle, den wir morgen benötigen werden. Hier kommt wieder DeepL zum Einsatz, ohne dessen Dienste ich hier richtig aufgeschmissen wäre.
Nicht nur im Stadtzentrum, sondern auch an dessen Rand, gibt es - wie in dieser Calle Molinos - ebenfalls interessante Details zu entdecken.






Am späten Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach einem Esslokal. Wir haben Hunger, und etwas zu trinken wäre auch gut. Es muss ja nichts Großes sein, doch zunächst scheitern wir bei unseren ersten Versuchen. Absolut keine Chance. Entweder sind die Lokale komplett geschlossen, oder es heißt: Kitchen closed. Dabei sind wir gerade einmal am Rande des Zentrums, doch ohne Lust, den Weg dorthin nochmal zurückzugehen und uns in irgendeinem Pulk um freie Tische zu balgen. Irgendwo muss es am späten Nachmittag doch auch hier etwas zu essen geben.
In einer Stadt mit so vielen Touristen würde ich schon erwarten, dass es zentrumsnah in einer Gegend mit vielen Unterkünften irgendwelche Lokale gibt, die ganztägig geöffnet sind und irgendwelche Happen anbieten. Nach einer kleinen Odyssee durch den Stadtteil landen wir schließlich in einer Imbissbude, die Falafel und eine Platte mit Geschnetzeltem und Salat anbietet. Schade, dass wir nicht schön lauschig draußen sitzen können, wie wir es uns erhofft hatten. Immerhin sind wir froh, endlich etwas zwischen die Kiemen und vor allem etwas zu trinken zu bekommen.
Das Essen schmeckt delikat, die Tomaten sind ein Traum, das Fleisch überaus zart, die Falafel köstlich gewürzt und unser Wasser herrlich kühl. Wir erhalten sogar Gläser dafür und genießen unseren Aufenthalt an einem der Mini-Tischchen, in dem winzigen Sitzbereich der Brutzelbar, begleitet vom Gezische und den Dünsten der Fritten im heißen Öl und einer Bullenhitze.
Endlich schleichen wir uns – total groggy und geschafft – zurück in unser hellhöriges Domizil.
Ich freue mich für meine Mutter, dass sie heute so gut durchgehalten hat, obwohl es körperlich sicherlich nicht leicht war. Bestimmt spielt das Reiseerlebnis an sich auch mit hinein. Morgen sollte es einen seiner Höhepunkte erreichen – wir sind gespannt.