Málaga
> Erster Tag im Viertel 'Cruz de Humilladero' <


Am ersten vollen Urlaubstag möchten wir uns hier im Viertel ein wenig orientieren. Unter den insgesamt 11 Stadtbezirken von Málaga ist Cruz de Humilladero, zwar nicht der flächenmäßig größte, dafür aber mit über 85.000 Einwohner der zweitbevölkerungsreichste. Die Stadt Málaga hat insgesamt 580.000 Einwohnern, ist also etwa so groß wie Essen.
Von der industriellen Vergangenheit ist heute nicht mehr viel zu sehen, wie wir später feststellen werden. Die Bevölkerung ist gemischt. Etwa 9% der Bewohner haben Migrationshintergrund; davon stammt der größte Teil aus Marokko.
Vom direkt am Meer gelegenen Stadtzentrum ist unser Stadtteil nicht allzu weit entfernt. Es gibt öffentliche Verkehrsmittel dorthin, doch zu Fuß ist das Zentrum ebenfalls gut zu erreichen. Soweit wollen wir heute jedoch noch nicht gehen.

Als erstes möchten wir uns nun ein paar Lebensmittel zum Frühstück organisieren. Beim Verlassen unserer Wohnung treffen wir im Hausflur gleich auf unseren direkten Nachbarn, einen jungen Mann im Rollstuhl. Er erhält täglich Besuche von Freunden, die ihn unterstützen und mit dem Rolli raus- und wieder reinfahren, sodass wir uns auch später immer mal wieder begegnen. Sie alle sind uns älteren Frauen gegenüber sehr freundlich und grüßen. Das hätte man nicht erwarten können. Auch die anderen Nachbarn pflegen einen höflichen Umgang mit uns. Wie schön es hier gleich ist!

Im Hinterhof unseres Hauses hören wir beim Aufhängen unserer Handtücher oft lautstarke Unterhaltungen, manchmal auch Auseinandersetzungen, doch es stört uns nicht. Essendüfte aus den angrenzenden Küchen erfüllen die Luft.
Gespannte Seile ermöglichen es ganz bequem, mehrere Wäschestücke nebeneinander zu befestigen, indem man die Seile über Rollen zieht. Wenn es dabei auf eventuell unterhalb hängende Wäsche tropfen sollte, wird das hingenommen, das ist halt so. Oder man wartet, bis die Nachbarn alles hereingenommen haben. Man muss nur aufpassen, dass niemandem eine herunterfallende Wäscheklammer auf den Kopf fällt.

Auch sonst scheint das Leben in der Nachbarschaft gut organisiert. Beispielsweise wird sehr akribisch Mülltrennung praktiziert. Dazu befinden sich vor einem der beiden Eingänge zur Wohnanlage entsprechende Müllcontainer, die farblich, wie in Deutschland, gut voneinander unterscheidbar sind. Uns beiden fällt besonders auf, dass die Bewohner diese Tonnen wirklich sehr diszipliniert zu nutzen scheinen: kein Papiermüll, der aufgrund von nicht zerkleinerten Kartons aus den Tonnen quillt; keine Plastiktüten im organischen Müll; kein Hausmüll in der gelben Tonne. Und dabei sind die Tonnen offen, sodass auch Passanten etwas einwerfen könnten. Wie schön das Zusammenleben sich doch gestalten kann, wenn alle ein wenig mithelfen!

Auf den breiteren Straßen, wie der Avendia de la Aurora, befinden sich gut ausgebaute und farblich eindeutig markierte, zweispurige Rad- und Rollerwege, gut abgegrenzt gegen die Fußgängerwege und vor allem die Autostraße. So können die Zweiradfahrer ebenso selbstverständlich dahinsausen wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auch.


Bilden wir es uns nur ein, oder rollen hier mehr E-Autos auf den Straßen? Da sich unsere vorübergehende Wohnung direkt an einer größeren Kreuzung befindet, haben wir den morgendlichen Berufsverkehr bei geöffnetem Fenster mit einem wesentlich höheren Lärmpegel erwartet. Tatsächlich nehmen wir das sanfte Herangleiten und Wiederabfahren der PKWs vor und nach den Ampelphasen kaum wahr. So also hört es sich an, wenn sich der Verkehr in ruhigen Bahnen bewegt. Wie angenehm für die Anwohner wäre es, wenn alle Innenstädte so verkehrsberuhigt wären? Und dazu noch Autofahrer, die dies mit einer angemessenen Fahrweise noch weiter unterstützen, ohne Kavaliersstartern oder autoposenden Minderwertigkeitskompensierern mit getunten Motoren. Man wird ja noch träumen dürfen! Auf jeden Fall sind wir begeistert von der Möglichkeit, auch in den frühen Morgenstunden bei offenem Fenster an dieser verkehrsreichen Kreuzung noch etwas Ruhe zu haben.

Laut Maps gibt es um die Ecke einen größeren Lidl, und diesen steuern wir jetzt an: dreimal abgebogen und schon stehen wir vor dem Eingang. Im Gebäude kann man an einer langen Stange mit Ketten seinen Einkaufstrolley festbinden, denn niemand schleppt hier volle Taschen durch die Gegend. Platz für eine große Vielzahl von Trolleys ist genug vorhanden und wird auch gut genutzt. An- oder abfahrende Autos nehmen wir kaum wahr, d.h. die Anwohner kommen - so wie wir – eher zu Fuß hierher, um sich zu versorgen.
Da wir es nicht weit zurück haben, kaufen wir auch ein paar Wasserflaschen (obwohl man das Wasser aus der Leitung bedenkenlos trinken könnte, wie unser Wirt uns versichert hat). Dazu eine gute Auswahl von Brotbelag und ein paar andere Dinge. Brot werden wir später in der Bäckerei holen. Bei der Obst- und Gemüsetheke muss ich lange nach Verpackungsmaterial suchen. Ich werde zwar fündig, doch vielleicht ist es so gewollt, dass man auf Einzelverpackungen eher verzichtet, statt weiterhin Plastiktüten bereitzustellen, um dafür - wie in unseren heimischen Supermärkten - noch einen Extrapreis verlangen zu können. So wird das nämlich nichts mit der Vermeidung von Plastikmüll.
Beim Bezahlen gibt es keine langen Warteschlangen, denn beim Kassieren in dem smarten Geschäft scannt jeder seine Waren an einer von mehreren Stationen selbst ein. Bei Fragen steht da jemand, der sofort kommt und hilft. Der Clou ist, dass man jede bereits gescannte Ware auf einen bestimmten Teil des Tresens legen muss, weil der Kassiervorgang ansonsten nicht weitergeht. Nach der bargeldlosen Zahlung legt man den Barcode auf der ausgedruckten Rechnung auf einen Scanner, damit sich die Verriegelung einer Schranke nach draußen öffnet. Oft halten aber die vorangegangen Leute auch einfach die Flügel auf.
An einem anderen Einkaufstag, als noch mehr Betrieb im Laden ist, sehe ich, dass zwei weitere Kassen auch physisch nach altem System besetzt sind. Doch diese sind offenbar nur unterstützend da, den Rest macht man als Kunde mal eben selbst. Vielleicht hat die Umstellung auf dieses System etwas gedauert. Doch ich nehme wahr, dass sich Kunden aller Altersgruppen mit den Scanautomaten auskennen und diese ganz selbstverständlich nutzen.

Schwer beladen möchten wir die Waren zunächst zurück zur Unterkunft bringen, um dann weiter zu ziehen. Hätten wir mal einen Trolley! Es passiert, was ich nicht erwartet habe: Gleich hinter dem Ausgang des Geschäfts müssten wir nach links abbiegen und dann gegenüber wieder nach rechts die Straße hoch. Beim Herkommen haben wir jedoch nicht darauf geachtet. Leider gehen wir deshalb einfach geradeaus und folgen dieser Straße. Schon bald kommt sie mir fremd vor. Ich peile die Richtung zur Unterkunft mit Maps an, doch immer weiter verirren wir uns in den kreuz und quer verlaufenden Straßen und Gassen. Bin ich zu blöd, eine Karte zu lesen? Ständig kommt Maps mit Richtungsänderungen und stets verpeile ich das Ziel. Nun gut, man wird ja manchmal auch darauf hingewiesen, dass die Fußwege in Maps nicht immer genau angegeben sind, und das scheint hier mit den widersprüchlichen Angaben der Fall zu sein. Ausgerechnet!
Gezwungenermaßen lernen wir so unseren Stadtbezirk Cruz de Humilladero etwas kennen: groß, belebt, mit vielen kleinen Läden und gepflegten Wohnhochhäusern. Ein Viertel, in dem man sich kennt, auf einen Schnack stehenbleibt und Neuigkeiten austauscht. Alles sauber, kein Müll auf den Bürgersteigen. An vielen Straßen befinden sich auch hier separate, abgetrennte und gut gekennzeichnete Spuren für E-Roller; kein einziger Mietroller liegt provokativ quer auf dem Bürgersteig (wahrscheinlich gibt es hier gar keine). Mir kommt alles ein wenig moderner vor, mit digitalem Fortschritt zum Nutzen der Bewohner, wie wir es bei uns in Deutschland auch herbeisehnen.

Mittlerweile ist es bei unserer unfreiwilligen „Wandertour“ ziemlich warm geworden. Auch die Taschen werden immer schwerer. Meine Mutter eiert neben mir her und wünscht sich ihre Wanderstöcke herbei. Was für eine grandiose Fehleinschätzung, „mal eben“ einkaufen zu gehen. Eine halbe Stunde später erreichen wir eine breite Avenida, wähnen uns in unserer Straße und folgen ihr ein ganzes Stück, bis wir feststellen, dass diese Entscheidung komplett falsch war. Es ist nämlich die teilweise parallel verlaufende Avendia de Andalucía, wie wir später feststellen, über die wir noch weiter weg von unserer Wohnung geraten sind. Mittlerweile haben wir beide beschlossen, Versuche, zu Fuß zur Unterkunft zu gelangen, endgültig aufzugeben. Direkt an einer breiten Straße stehen ein paar Bänke, die wir gleich ansteuern. Auch wenn wir in der Sonne sitzen, ist es eine Wohltat, die schweren Einkaufstaschen abstellen zu können, und für meine Mutter, ihre Muskeln, Sehnen, Gelenke und Knochen neu zu sortieren und wieder in die richtige Stellung zu bringen.
Ich versuche derweil, ein Taxi zu organisieren. In einem Café erhalte ich jedoch nicht die gewünschte Hilfe. Ein überaus schneller und wenig freundlicher Jüngling wirft mir die Telefonnummer eines Unternehmens an den Kopf, bevor er zum Servieren nach draußen eilt. Ich komme damit nicht klar, kein Anschluss. Passanten erklären uns, dass wir ein Taxi auch einfach hier an der Straße anhalten können, das würde meist ganz gut klappen. Und tatsächlich: nach einigen Versuchen haben wir Glück. Für nur vier Euro werden wir zum Ziel gebracht und passieren dabei Abschnitte, die wir heute schon zu Fuß erkundet haben. Wie unglaublich preiswert das Taxifahren hier ist! Auch wenn unser „Ausflug“ nicht wirklich erquicklich war, so hat er uns doch diesen wesentlichen Erkenntnisgewinn gebracht. Fortan werden wir nämlich öfter mal Taxen benutzen, wenn sich Fußwege oder Busfahrten nicht anbieten.

Zurück in der Wohnung wird sich meine Mutter erst einmal ausruhen, doch ich will es wissen, riskiere einen weiteren Gang zum Supermarkt und präge mir unterwegs die Abzweigungen genau ein. Der kurze Rückweg ist dann ganz einfach.
Den restlichen Tag genießen wir bei offenem Balkonfenster in unserer gemütlichen Wohnung. Für morgen wollen wir nämlich fit sein, wenn wir nach Granada fahren. Und dafür muss ich später noch einmal kurz los, dieses Mal zum Busbahnhof. Zum einen möchte ich einfach wissen, wo er sich genau befindet, um uns morgen früh nicht erneut zu verlaufen, und wie lang man andererseits dorthin zu Fuß braucht. Auch die Fahrkarten möchte ich schon vorab kaufen.
Der Weg dorthin führt über die Avenida de la Aurora, vorbei am La Canasta, weiter in Richtung Innenstadt. An einem Verkehrskreisel biegt man nach rechts ab, an einem weiteren wieder nach rechts, und schon hat man ein auffälliges Gebäude – den Busbahnhof – im Blickfeld. Kaum bin ich etwa in der Mitte dieser letzten Geraden, als mich unerwartet von der Seite eine junge Frau anhaut, ob ich Geld für sie habe. Ich sage nur NO und will weitergehen, als sie mich anspringt und versucht, am Arm festzuhalten. Ich mach mich brüsk los und pflaume ihr nochmals ein NO entgegen, dann lässt sie mich in Ruhe. Die Besucher eines Cafés nebenan haben die Szene verfolgt, doch niemand hat sich gerührt. Das war insgesamt kein schönes Erlebnis. Auf dem Rückweg werde ich jedenfalls die andere Straßenseite nehmen.

Zügigen Schrittes erreiche ich nach insgesamt etwa 15 Minuten den Busbahnhof (gleich neben dem Zugbahnhof Maria Zambrano). Für morgen früh müssen wir noch etwas mehr Zeit einplanen. Am zentralen Infoschalter im Busbahnhof bekomme ich Ausdrucke mit den Abfahrtszeiten ab Málaga Estación de Autobuses zu allen nachgefragten Zielen und wieder zurück. Verschiedene Buslinien haben sich die Strecken ins Inland aufgeteilt. Granada und Cordoba werden von ALSA bedient.
Grundsätzlich kann man auch am Automaten Tickets ziehen, doch ich möchte sie lieber am Schalter kaufen. Ermäßigungen für Senioren gibt es hier leider nur für entsprechende Card-Inhaber, zu denen wir aber nicht gehören. Der normale Preis ist dennoch bezahlbar: 27,50 EUR pro Person, für die Hin- und Rückfahrt. Man muss sich allerdings für einen bestimmten Bus entscheiden. Sind die Plätze ausverkauft, muss man halt anderweitig buchen. Doch ich habe so kurzfristig vorher noch Glück. Und weil wir gerade dabei sind, kaufe ich auch die Karten für Córdoba, unser nächstes Ziel, gleich mit (29 EUR pro Person). Beim nächsten Mal ziehe ich die Karten aber am Automaten, das spart viel Zeit.
Danach erkunde ich draußen die durchnummerierten und gut auffindbaren Bussteige. Unserer Abfahrt nach Granada steht also nichts mehr im Wege.

Am frühen Abend werden wir wieder im La Canasta essen, das uns heute aber nicht so lauschig erscheint wie gestern. Das liegt auch am furchtbaren Service des uns zugeteilten Kellners, ganz im Gegensatz zu dem älteren Herrn von gestern Abend. Ewig müssen wir bis zur Bestellung warten, den Tisch haben wir mittlerweile selbst von den Resten der Vorgänger gesäubert. Dann dauert es wieder, bis die bestellten Getränke kommen und schließlich das Essen. Danach sehen wir ihn nur noch von weitem. Gegen Handzeichen scheint er immun zu sein. Doch nicht nur uns geht es so.
Eine aus der dreiköpfigen Frauen-Compañía am Nachbartisch redet darüber hinaus ununterbrochen, sehr laut und sehr wichtig daher und schneidet gelegentlich furchtbare Fratzen. Sie sitzt auch noch genau in meiner Blickrichtung, sodass es mir nicht gelingt, sie zu ignorieren. Ihre Zigarillos stinken auch noch zum Himmel. Das alles vertreibt uns die erhoffte Gemütlichkeit.
Beim Zahlen an der Kasse gibt es dieses Mal kein Trinkgeld, denn zu einer zweiten Runde Getränke ist es bei dem ignoranten Service gar nicht mehr gekommen. Auf dem frühen Heimweg trösten wir uns aber damit, dass wir morgen eines der wichtigsten Ziele unserer Reise anpeilen werden. Wir freuen uns jetzt schon sehr auf Granada.