Den nächsten Tag brauchen wir wieder zur Erholung. Nach ausgiebigem Schlaf möchten wir uns das an einem Hang gelegene Armenistís ein wenig näher anschauen. Der kleine Ort ist ganzjährig bewohnt, viele Häuser beherbergen Rooms, auch Hotels gibt es für mehrere Kategorien, was darauf schließen lässt, dass man hauptsächlich vom Tourismus lebt. Unsere Pension Ikaros liegt an keiner größeren Straße. Man kann über eine kleine Gasse hinunter zum Hafen gehen, oder über eine Treppe, die an der Kirche vorbeiführt, in den oberen Teil des Ortes gelangen. Dort zieht sich eine Straße, von Nas kommend, bis hinunter zur Hafenmole und weiter in Richtung Evdhilos. Oberdorf Wir möchten uns zuerst den oberen Dorfteil anschauen und erklimmen die steile Treppe an der Kirche vorbei. Gleich gegenüber befindet sich eine größere Bar, in der man auch tagsüber Pizza, Sandwichs und andere Snacks bekommt, und die bis spät in die Nacht geöffnet hat. Auf einer Mauer gegenüber des Lokals wurden Sitzgelegenheiten geschaffen, das Leben spielt sich aber meist doch mitten auf der Straße ab; den vorbeikommenden Autos weicht man halt aus. Im Supermarkt nebenan gibt es für Einheimische und Touristen so ziemlich alles, was man gebrauchen kann, auch Brot. Folgt man der Straße weiter in Richtung Evdhilos, kommt man an einem Openair-Bookshop mit vorwiegend griechischen Büchern vorbei, der eine eigenartig thematische Mischung von Werken ganz unterschiedlicher Schriftsteller enthält. Mehrere Autovermieter haben geöffnet, spontane Buchungen zu dieser Jahreszeit für einen längeren Zeitraum sind fast unmöglich, da die meisten Fahrzeuge vorbestellt sind. Allerdings ist es bei einigen doch möglich, Leihwillige für einen bis zwei Tage irgendwo dazwischen zu quetschen. Wir machen für einen der nächsten Tage auf jeden Fall schon mal einen PKW klar, denn einen kleinen Eindruck der Insel möchten wir trotz der drückenden Hitze doch bekommen. Einige Geschäfte mit Postkarten, Klamotten und Mitbringseln bieten den Touristen Zerstreuung. Doch Achtung: Wer seine Post in einen der Briefkästen wirft, die überland irgendwo aufgestellt sind, muss damit rechen, dass die Ansichtskarte erst Monate später den Bestimmungsort erreicht. Daher ist es ratsam, diese in Armenistís oder direkt bei der Post in Evdhilos aufzugeben, wenn die Post innerhalb der nächsten Tage ankommen soll. Im weiteren Verlauf der Durchgangsstraße muss man über eine steinerne Brücke gehen, die einen Fluss überquert, der jetzt im Sommer jedoch nur noch aus Tümpeln mit zahlreichen hungrigen Schildkröten besteht. An einer Seite führt eine Steintreppe hinunter, sodass man in eine kleine Bucht gelangt. Auch in anderen kleineren Buchten direkt am Ort haben sich Schwimmfans niedergelassen, einen Sonnenschirm in den Sand oder Kies gesteckt. Das erspart den Weg zu den größeren Stränden. Am Flussbett weht fast durchgehend eine Brise und manchmal auch ein kühlerer Wind, der von oben aus den Bergen kommt. Ein Besuch der Lokale, die hier auf zwei Etagen den Besuchern kulinarische Köstlichkeiten oder einfach nur Getränke anbieten, wird von Musik begleitet. Bis 1935 hat es laut Aussagen Einheimischer hier noch gar keine Brücke über den Fluss gegeben. Eines Tages kam ein Jeep, das erste Auto überhaupt. Es fuhr in den Fluss hinunter und wurde mit Seilen auf der anderen Seite heraufgezogen. Ein paar Meter weiter wohnt die Sünde: ein überdimensionales Sacharoplastío (Konditorei) mit zig verschiedenen Creme- und Schokotorten für alle Geschmacksrichtungen, Baklavás und andere honigtriefende Delikatessen, frische kleine Süßigkeiten, von buntem Alupapier umhüllt, trockene Gepäckteilchen, Eis, ikariótischem Honig, Mastix und Wein, mit wirklich allem an Süßigkeiten, was das Herz begehrt. Allerdings hängt im Laden auch ein Ganzkörperspiegel, der den Käufer noch rechtzeitig ermahnen kann, die Bremse zu betätigen, so man über genügend Selbstbeherrschung angesichts der Preziosen verfügt. Gegenüber der Konditorei befindet sich die Bushaltestelle. Allerdings scheinen Busse hier nur selten zu verkehren. Einen Plan sehen wir zunächst nicht, denn dieser hängt unauffällig auf Hüfthöhe des Tresens im Sacharoplastío. Schade, denn gerne würden wir in den nächsten Tagen Kurztrips nach Evdhilos oder andere Nachbarorte unternehmen. Wir werden sehen. Hier, am Ortsausgang zweigt rechts auch eine steile Straße zum etwa fünf Kilometer entfernten Christós Rachón (auch Ráches genannt) ab, dem Bezirkszentrum, in dem das Leben angeblich erst spät abends beginnt und tagsüber überhaupt nichts los ist. Wir haben es ein wenig anders erlebt, doch dazu später. Im weiteren Verlauf der Durchgangsstraße gelangt man dann zum Livádhi, einem der beiden langgezogenen Sandstrände, die man auch über eine Treppe von der Straße aus erreichen kann. Türkisblaues Wasser lädt bei mäßiger Brandung zum Baden ein. Wegen zeitweise gefährlicher Strömungen wird dieser Strand bewacht. Hafen Wir kehren jedoch wieder um, überqueren die Brücke zurück in den Ort und möchten uns den Hafen anschauen. Eine Sackgasse zweigt nach rechts ab. An der Mole dümpeln bei ruhiger See wenige kleine Fischerboote. Ein älterer Mann sortiert auf dem kahlen Beton seine gelben Netze. ![]() An einem klaren Tag wie heute scheinen die umliegenden Inseln zum Greifen nah: Samos und Chios ganz deutlich, Teile der türkischen Küste schemenhaft im Hintergrund. Jungen versuchen, mit einer bloßen Leine Fische zu fangen. Sie kennen sich aus und geben Tipps, welche Köder sich am besten eignen, ganz stolz über ihren Sachverstand. Ein kleines Paradies für die Großstadtkinder aus Athen, deren Ursprung in Armenistís liegt. An der Hafenstraße liegen auch die meisten Restaurants, wo man insbesondere am Abend wunderschön sitzen und essen, auf das Meer schauen und den Mondaufgang beobachten kann. Ab und an fährt jemand mit einem Auto vorbei, ansonsten herrscht himmlische Ruhe. Hinter der letzten Taverne befindet sich noch ein kleineres, gemütliches Geschäft mit wohl ausgesuchten Artikeln für den Gast. Auch Sonnenschirme kann man hier kaufen. Ganz am Ende der Hafenstraße wurde ein kleiner Platz angelegt, der von den Ufermauern begrenzt wird, an denen sich bei windigem Wetter die Wellen krachend brechen. Links daneben beherbergt ein unscheinbares Häuschen eine Biokläranlage. Hätte man es uns nicht gesagt, wären wir im Leben nicht darauf gekommen. Schwimmen in einer Bucht Nach diesem Rundgang sind wir völlig überhitzt und beschließen, endlich ein Bad im Meer zu nehmen. Schnell sind die Stufen hinter der letzten Taverne am Hafen nach oben genommen, die uns im Handumdrehen zurück zur Pension Ikaros bringen. Den neu erworbenen Sonnenschirm und unsere Schwimmsachen packen wir flugs zusammen, voller Vorfreude auf das erfrischende Nass. In einer Bucht direkt bei Armenistís, teils sandig, teils steinig, verbringen wir den restlichen Nachmittag. Wenige griechische Familien und Paare haben sich ebenfalls für die nähere Badegelegenheit entschieden. Das Wasser ist zwar unerwartet kühl, doch angenehm und sehr erfrischend. Unter dem Sonnenschirm lässt es sich gut aushalten. Der Blick auf die leicht gekräuselte, blaue See, Lichtspiele der tanzenden Sonnenstrahlen auf der reflektierenden Wasseroberfläche, ein Traum. Kinder, die vollkommen von ihrem Spiel absorbiert werden. Ein quirliger Junge, der eifrig den „Oktopus“ in der Bucht sucht. Ein kleines Mädchen mit Schwimmärmchen, seine Schwester, dessen Eltern geduldig versuchen, ihr die Scheu vor dem Wasser zu nehmen und die letztendlich selbstvergessen summend im Sand gleich am Wasserrand spielt und später gar nicht mehr weg möchte, „weil es hier viele schöne kleine Steine gibt“. Ältere Menschen, die sich offensichtlich sehr wohl fühlen und kreuz und quer durch die Bucht schwimmend ihrer körperlichen Möglichkeiten erfreuen. Viel später beschließen wir, in einem der Restaurants zu speisen. Kalamária, gekochte Ziege, Skordaliá und ein Bauernsalat, begleitet von einem herzhaften Chýma (Wein vom Fass, in einer Karaffe serviert) aus eigenem Anbau hält die Karte für uns bereit. Ein Hochgenuss für den Gaumen. Als Souvenir nehmen wir eine Schrotkugel mit, die sich im Ziegenfleisch versteckt hatte. Wie wunderbar, sich dem Spätnachmittagsschlaf und damit den eigenen Bedürfnissen hingeben zu können, endlich einmal Zeit zu haben. Blaue Stunde / Rooms Ikaros Goldgelb gleitet der Hügel gegenüber von Armenistís sanft bei Gialiskári ins Meer. Gelblich bis hellblau schimmert das Wasser des Meeres, unbewegt. Kein Windhauch in dieser Stunde, in der das Schauspiel des schwindenden Tages seinen Lauf nimmt. Mit einem breiten V pflügt ein größeres Fischerboot dem roten Glühen des Horizonts entgegen. Ein kleineres Boot folgt ihm, schneidet eine weitere Schneise in die ruhige Wasseroberfläche. Im Licht der untergehenden Sonne wechselt das Meer die türkisblaue Farbe des Tages langsam in einen mattsilbernen Spiegel, während der Horizont in eine Rosa-Lila-Farbmischung getaucht wird, die die gegenüberliegende Landschaft in ebendieser Tönung widerspiegelt. Auch die Wälder nehmen das rötliche Violett der tiefstehenden Sonne an. Je dunkler sich die Landschaft verhüllt, desto silberner und heller erscheint die Wasseroberfläche des Meeres. Ein Sonnenanbeter sitzt, einer Statue gleich, auf der Spitze eines Felsens über dem Wasser, betrachtet die Farbenvielfalt und gibt sich der Stille dieser Stunde hin. Friede liegt über der Landschaft. Ruhe auch bei den Menschen, nur gedämpfte Stimmen sind zu vernehmen. Oder das Tuckern des Motors eines langsam vorbeifahrenden Fischerbootes. Romantische Episode im harten Fischereigeschäft. Abends werden die Netze ausgelegt, in den Morgenstunden wieder eingeholt und der Fang wird gleich bei den Tavernen abgegeben. Wer sich auskennt, so Kapetán Dimitris, unser Vermieter, kann sich seinen Fisch für den Tagesgebrauch direkt holen, muss allerdings schon auf das Boot warten, und zwar sehr früh, „noch bevor der Hahn kräht“ – oder den Fisch lecker zubereitet für etwas mehr Geld in den Tavernen genießen. Feine Essensgerüche ziehen durch das Dorf. Gegrillte Spezialitäten wird es geben, Fisch, Fleisch und viele frische Beilagen, knusprig zum gut gekühlten Wein. Internationale Wortfetzen dringen leise ans Ohr: Griechisch, Italienisch, Deutsch, Englisch, Holländisch. Belanglos. Die Menschen sind in Vorbereitung auf den Abend, auf ein Panighíri, ein Fest in einem Nachbardorf in den Bergen. Verhaltene Vorfreude auf Essen, Trinken, Musik und Tanz bis in die Morgenstunden. Bei der Betrachtung der langsam und gleichmäßig durch den silbernen Spiegel des Wassers gleitenden Boote entsteht eine tiefe Entspannung. Ruhe, Klarheit, Poesie. Keine störenden Elemente, Einheit zwischen Körper, Geist, Seele und Natur. Ganzheit des Seins. Langsam senkt sich die subtropische Nacht mit immer noch über 30 Grad herab. Die gerade noch erlebte Stille dieser Stunde ist mit einem Mal verflogen. Eine Stimme ruft laut fordernd etwas von rechts. Auch die Zikaden haben ihren schabenden Gesang wieder aufgenommen, zuerst eine, dann stimmen nach und nach andere mit zu einem Konzert von ohrenbetäubender Lautstärke ein. Ein Moped knattert mit abgesägtem Auspuff laut durch die Gassen. Mehrere Menschen reden jetzt laut, tauschen sich aus. Ein Kind stürmt die Eisentreppe herauf. Immer mehr Geräusche lassen erahnen, dass das abendliche Leben bereits seinen Lauf nimmt, als die Schwärze der Nacht sich langsam herabsenkt. Die Nachtblume hat ihren betörenden Duft entfaltet. Eine Grande Dame Bei einem erneuten Bummel durch Armenistís statten wir dem Sacharoplastío einen zweiten Besuch ab. Vor dem Eingang gibt es auch einige Sitzgelegenheiten, wo man seinen Kaffee schlürfen kann. Hier hat es sich auch die Dame, mit der wir mit dem Taxi am ersten Abend nach Armenistís gekommen sind, bequem gemacht. Wir grüßen sie, bleiben vor ihrem Tisch stehen, da sie unsere Blicke eingefangen hat. Dann spricht sie Alex an: „Nein, du bist kein Grieche!“ Als Antwort schenkt Alex ihr einen Blick, der ihre Aussage in Frage stellt. Sie zweifelt: „Ein bisschen Grieche?“ Er räuspert sich. Sie: „Ein bisschen mehr?“ Ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Alex im Brustton der Überzeugung: „Original-Grieche!“ Ihre Antwort, wie aus der Pistole geschossen und auf mich deutend: „Sie aber nicht! Das habe ich gleich gesehen, sie ist keine Griechin!“ Das kleine Wortgeplänkel hat sie sichtlich genossen. Sie bietet uns einen Platz an, schaut uns fordernd mit ihren hellgrauen Augen an, und scheint schon wieder Neues auszuhecken. Später erfahren wir, dass sie in jungen Jahren eine echte Powerfrau gewesen sein soll, auch als „Teufelsweib“ bezeichnet wurde. Sie sei eine hervorragende Violinistin gewesen und sei sogar Fahrrad auf der Insel gefahren, als dieses Gefährt in Griechenland noch unbekannt war. Mit den Männern habe sie wie mit einem Kombolói gespielt. Hätte sie keine Röcke getragen, hätte man sie für einen Mann gehalten. Mittlerweile sei sie über 90. Sie bedient sich einer gewählten Sprache und kleidet sich elegant. Jedes Mal, wenn wir ihr begegnen, beendet sie unser Zusammentreffen mit dem höflichen Satz: „Es hat mich sehr gefreut, dass wir uns wieder getroffen haben.“ Wieder im Hafen In die letzte Taverne an der Hafengasse kehren wir am Ende noch auf einen Absacker ein. Leider bleibt es auch bei den darauffolgenden Besuchen nie bei einem Getränk. Zu verführerisch locken die Angebote auf der Speisekarte und die Düfte, die von der Arbeitsstätte des netten albanischen Grillmeisters herüberwehen. Die Besitzer sind, wie in allen anderen Lokalen auch, sehr freundlich und humorvoll. Bei einem ersten Angelversuch am Abend hatten sie ungefragt eine große Handvoll Kalamári-Reste als Köder hergegeben. Auf die spätere Frage nach dem Anglerglück erhalten sie Alex’ Antwort: „Ein sooo großer Fisch (ein halber Meter wird mit den Armen angezeigt) hat mich angeschaut, ist aber wieder davongeschwommen“, was zur allgemeinen Erheiterung beiträgt, gefolgt von dem Hinweis, dass es auf der Insel auch Wildschweine für die Jagd gäbe. Ob das aber stimmt? Ein gigantischer Mondaufgang steht bevor. Über den Bergen leuchtet es goldgelb. Das Strahlen wird immer intensiver. Eine Sichel taucht auf und ganz schnell liegt der volle Mond in einer Bergmulde neben dem Küstenstreifen und zaubert eine glitzernde Straße auf das Meer. |