Süleymaniye /
Museum für türkische und islamische Kunst


Als wir am Morgen aus dem Fenster schauen, stellen wir fest, dass es regnet. Nicht kräftig, eher nieselnd, aber stetig. Das nächtliche Gewitter muss zu einem mächtigen Temperatursturz geführt haben, denn die Leute draußen haben sich warm eingepackt. Dazu ist es noch windig, so richtig ungemütlich.
Das Istanbuler Leben nimmt trotzdem seinen Lauf. Wie immer sind viele Menschen unterwegs. Sie gehen ihrer Arbeit nach, machen Besorgungen, bewegen Warenballen, be- und entladen anliefernde Kleinlaster.
Für uns ist es eher kein Wetter für einen ausgedehnten Stadtbummel. Schade, heute könnte man sich eines der Museen vornehmen, doch montags sind viele geschlossen. Es gibt jedoch eine Moschee, die wir noch nicht gesehen haben und die sich zu Fuß gerade mal 10 Minuten von unserem Hotel entfernt befindet.
Konstruiert wurde sie zwischen 1550 und 1558 vom berühmten Baumeister Mimar (Architekt) Sinan, dessen Ruhm sich weit über die Grenzen hinweg verbreitete. Attribute wie „Osmanischer Michelangelo“ gab man ihm wegen seiner ästhetischen Baukunst, „Gedichte in Stein“ habe er kreiert.
Über vierhundert Bauwerke hat dieser geniale Architekt konstruiert. Darunter waren Brücken, Wasserleitungen, Hamams, Karawansereien, Schulen, Krankenhäuser, Paläste, Mausoleen und eben auch Moscheen. Von der Selimiye-Moschee in Edirne spricht man zwar als seinem „Meisterwerk“, die Süleyman-Moschee in Istanbul als sein „Gesellenstück“ nimmt gegenüber vielen der anderen Moscheen Istanbuls dennoch eine besondere Stellung ein.
Erbaut wurde sie im Auftrag von Süleyman, dem Prächtigen. Sein Mausoleum und das seiner machtvollen Frau Roxelane befinden sich auf dem zur Moschee gehörenden Gelände. Auch Sinan selbst wurde neben der Moschee beigesetzt.
Sei es, wegen ihrer Größe und der Herausforderung an statische Elemente, um die große Kuppel in der Mitte des Gebetshauses sicher zu stützen, sei es wegen des großzügigen Außenbereichs, umgrenzt von einem langgezogenen Gebäudekomplex aus früheren Medresen (Schulen), einem Imaret (Armenküche), einem Krankenhaus, sogar einem Observatorium und anderen Funktionsgebäuden, oder vielleicht auch wegen der Lage der Moschee an einem Hügel, wodurch das Gelände zu seiner Nutzung zum Goldenen Horn hin terrassiert werden musste, ganz zu schweigen von der Ausgestaltung des Moschee-Innenraums, die Süleymaniye hat so einige Besonderheiten zu bieten, die man sich als Tourist nicht entgehen lassen sollte.

Schon einmal, auf dem Rückweg vor ein paar Tagen aus der Innenstadt, gelangten wir in den Park außerhalb der Moschee, und sahen die Sonne hinter den kleinen Kuppeln der sie umgrenzenden Gebäude untergehen.
Das graue Wetter von heute vermiest uns allerdings die Lust, das Außengelände weiter zu erkunden. Im Gegenteil freuen wir uns, als wir endlich den Schirm im Innenhof der Moschee schließen können. Der kalte Wind lässt uns nur einen Moment hier verharren. Schlicht geschmückte Kuppeln über dem Bogengang entlang der Außenmauer und einige kunstvolle Kalligrafien über Türen und Fenstern geben erste Eindrücke, während das Regenwasser über den leergefegten Innenhof läuft.



Vor dem Betreten der Moschee müssen wir uns wie immer unserer Schuhe entledigen. Allein mit diesem Balanceakt – einerseits nicht mit den Schuhen auf das bereits zur Moschee gehörende, trockene Stück Eingang zu treten, andererseits nicht mit den Strümpfen auf den nassen Streifen davor zu geraten – setzt man sich am heutigen Tag einer akuten Erkältungsgefahr aus.
Nur wenige andere Touristen befinden sich im Innenraum. Ähnlich wie bei unserem Besuch der Rüstem-Pascha-Moschee dürfen wir uns auch hier nur im hinteren Bereich bewegen, selbst die Seitenbereiche sind abgesperrt.


Auffallend sind die Buntglasfenster auf der Wand mit der Gebetsnische (Mihrab); sie wurden vom seinerzeit berühmten Meister der Glaskunst, Ibrahim, dem Trinker, gefertigt.


Ein Blick nach oben zeigt die verschachtelten Kuppeln und Küppelchen, die sich um die große Hauptkuppel gruppieren und kunstvoll ausgestattet sind.


Bei der Gestaltung des Innenraums hat man im Vergleich zu anderen Moscheen häufig die Farbe Rot benutzt: Die Farbnuance des Teppichs korrespondiert mit der, die die Arkaden und Fensternischen in einem Streifen farblich absetzt. Es ist ein warmes, mittleres Rot. Die wenigen Fayencen beinhalten das sogenannte Bolus-Rot, ein hochwertiges Erdpigment.




Die Verwendung dieser warmen Rottöne sollte eigentlich auf das eigene Gefühl ausstrahlen, doch auch innerhalb des Gemäuers ist es kalt. Irgendwo sind Fenster offen, und es zieht unbarmherzig herein.
Nicht lange halten wir es aus. Draußen regnet es immer noch. Ich bin froh, als ich endlich wieder meine Schuhe anziehen kann. Weitere Moscheebesuche sind für heute gestrichen.
Es bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen unbedingt ins Warme. Und da kommt uns eine Bäckerei auf einer Kreuzung gerade recht. Tee gibt es hier, und noch ein paar Gebäckstücke, die uns der junge Mann hinterm Tresen serviert, als wir uns in dem winzigen Raum an einem der drei Holztische niedergelassen haben.

Vielleicht ist das Hüzün. Hüzün bezeichnet ein besonderes Lebensgefühl, eine Art kollektive Melancholie, abzugrenzen von der individuellen Tristesse. Hüzün ist ein Gemeinschaftsgefühl, das eine ganz Stadt befallen kann, auf jeden Fall Menschen gemeinschaftlich, ohne dass sie sich unbedingt kennen müssen. Am heutigen Tag spielt das Wetter in Istanbul diesbezüglich eine entscheidende Rolle.
Wobei Orhan Pamuk, dieser großartige türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger, in seinem Buch „Istanbul“ diesem Gefühl ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Er beschreibt diese Art von Melancholie im Musikempfinden, in der Poesie, sogar in der Lebensanschauung und bezogen auf Istanbul als „Ausdruck dessen, was die Stadt eigentlich ausmacht.“
Untermauert wird dies durch Bilder wie „Familienväter, die in einem Vorort mit deiner Tüte in der Hand unter einer Straßenlaterne ihrem Heim zustreben“, „an verwaisten Anlegestellen vertäute alte Bosporus-Dampfer“, „bis auf den letzten Platz mit Arbeitslosen gefüllte Teehäuser“. Einer langen Aufzählung weiterer Beispiele könnte man unser Istanbuler Stadtgefühl an diesem Tag hinzufügen:
- Regenwasser, das an der Scheibe einer Bäckerei entlang rinnt, die von der Wärme des Backofens leicht beschlagen ist
- Männer, die in strömendem Regen schwere Lasten schleppen
- Passanten, ihre Jacken wegen der Kälte fest um sich geschlungen, die von allen Seiten den Mikrokosmos dieser Kreuzung überqueren und dann weitergehen.
Vor allem jedoch diese Frau, in ihrer dünnen Jacke und ohne Schirm unterwegs. Nur das Kopftuch kann sie nicht von der Nässe schützen. Sie trägt eine große, abgewetzte Handtasche. Ihr Gesichtsausdruck zeigt Verzweiflung, während sie Passanten um Geld bittet. Sie schämt sich, das kann man sehen. Niemand gibt ihr etwas.
Später mache ich mir Vorwürfe. Ich hätte nach draußen gehen und ihr etwas Geld geben sollen. Ihr Bild trage ich mit mir, es lässt mich nicht los. Und tatsächlich sehen wir sie später wieder – ein ganzes Stück von dieser Bäckerei entfernt. Rasch gehe ich zu ihr und gebe ihr Geldstücke, genug um heute etwas Essbares zu kaufen.
Das Bild, wie diese Frau im strömenden Regen andere auf der Kreuzung um Geld anspricht, werde ich nicht mehr vergessen. Ihre Not, der Regen und die Kälte. Ein Sinnbild für Verzweiflung. Für wie viele Menschen mag das Leben sich täglich so abspielen? Ein weltweites Hüzüngefühl...

***

Auch an unserem letzten Tag in der Stadt bieten sich aufgrund des kühlen Wetters keine Outdoor-Aktivitäten an. Heute sind jedoch die Museen wieder geöffnet, ein perfekter Tag für einen Besuch. In Istanbul gibt es davon reichlich viele, unter anderem das Archäologische Museum beim Topkapı-Palast (drei Sammlungen: Klassische Altertümer, Fayencen, Altorientalische Kulturen), das Santral Istanbul, Silahtar (Moderne Kunst) beim Goldenen Horn, das Pera-Museum (Gemälde) in Beyoğlu, das Museum der Kalligrafie bei der Beyazıd-Moschee, das Mosaikenmuseum hinter der Blauen Moschee im Arastarbasar, das Museum für türkische und islamische Kunst. Wir entscheiden uns für letzteres. Sein Eingang befindet sich im Hippodrom, etwa auf Höhe des Ägyptischen Obelisken, gegenüber dem Eingang zum Gelände der Blauen Moschee. (Öffnungszeiten täglich, außer montags, zwischen 9.00 Uhr und 16.30 Uhr, Stand 2012)


Neben dem nicht minder imposanten Katasteramt gelegen, ist das Eingangsgebäude selbst ein Museumsstück: Es stammt aus dem Jahr 1524 und war früher der Palast des Großwesirs Ibrahim Pascha.
Die Sammlung vereint fast 1500 Jahre Kunstgeschichte und zeigt unter anderem Kalligrafien, Gefäße, Einrichtungsgegenstände, ethnologische Besonderheiten aus verschiedenen Regionen, vor allem jedoch eine riesige Ausstellung von Teppichen (daher auch sein früherer Name „Teppich-Museum“). Für diese Vielfalt erhielt das Museum mehrere internationale Museumspreise. Untergebracht sind die Exponate im gesamten Gebäudekomplex, einem Karree mit einem schön angelegten Innenhof.


In dieser riesigen Ausstellung spiegeln sich die einzelnen Kunstepochen wieder, die die Region ab dem 7. Jahrhundert beinflusst haben.
Zur frühen islamischen Kunstepoche (700 - 1050) zählt man die Errungenschaften der Umayyaden (Arabien) und der Abbasiden (Irak). Glücklich kann sich ein Museum schätzen, wenn es halbwegs intakte Fundstücke aus jener Zeit präsentieren kann, wie aus der sagenhaften abbasidischen Stadt Samarra, am linken Tigrisufer gelegen.



Fundstücke aus Samarra

Gerade das Schicksal der Funde aus der Region um Samarra, die zum Teil mehrere tausend Jahre alt sind, regen zum Nachdenken an. Sie wurden in alle Welt verstreut, unter Federführung europäischer Entscheider. Einerseits schön für den Interessierten, wenn man zur Besichtigung nicht extra in das jeweilige Land fahren muss, andererseits muss die Frage erlaubt sein, unter welchen Bedingungen diese Fundstücke ins Ausland gelangt sind und ob die jeweiligen Regierungen damit einverstanden waren bzw. angemessen entschädigt wurden. Dies ist mit Sicherheit nicht immer der Fall. ((Auch die „Elgin-Marbles", große Teile des Parthenon-Frieses, harren noch immer in einem Britischen Museum, obwohl seit Jahren im Akropolis-Museum in Athen längst der Raum dafür vorhanden ist.)) Im Museum für Islamische Kunst in Berlin gibt es übrigens ebenfalls eine Samarra-Ausstellung.
Im Museum für türkische und islamische Kunst in Istanbul ist ein Portal der Großen Moschee von Cizre ausgestellt. Wie man auf einer Hinweistafel liest, wurde einer der beiden metallenen Türknaufe (Darstellung zweier Drachen) Ende der 1960er Jahre gestohlen, und tauchte plötzlich in der „David-Sammlung" in Kopenhagen auf. Und tatsächlich kann man das Exponat sogar auf der dazugehörigen Seite im Internet unter „WORKS OF ART", Seite 2, wiederfinden. Recht erstaunlich, wie ich finde.


Doppeltür der Großen Moschee von Cizre (Südostanatloien)

Die spätere anatolischen Seldschuken-Epoche sowie die verschiedenen Mamluken-Herrschaftszeiten (Ägypten) ab dem 11. Jahrhundert werden auf dem Zeitstrahl abgelöst von der Safavid- (1506 - 1722, Iran) und der Qajar-Periode (1722 - 1924, Iran).






Die drei Schalen stammen aus der Seldschuken-Periode, 12./13. Jahrhundert

Die Aufzählung der Kunststile der verschiedenen Völker und Stämme der Region ist an dieser Stelle nicht abschließend. Übergreifend spricht man von der Osmanischen Kunstepoche in der Zeit von 1299 bis 1923. Überall begegnet uns in Istanbul die Fliesenkunst aus jener Zeit, auch in diesem Museum.








Auch Gebrauchsgegenstände wurden nach ästhetischen Gesichtspunkten gefertigt.










Wie auch in der westlichen Welt hatte die Religion nicht nur im alltäglichen Leben einen hohen Stellenwert. Kunsthandwerke, wie die Herstellung von Kalligrafien, finden sich in der Ausgestaltung von Koranen, aber auch in den Schriftzügen von Sultanen und anderen Herrschern.







Den Schriftzug der osmanischen Sultane nennt man auch Tughra -
im nächsten Bild die Tughra von Sultan Osman III.







Schmuckschatullen und Kästchen sind mit Intarsien aus wertvollen Materialien gefertigt.




Den weitaus größten Teil des Museums nimmt jedoch die Teppichausstellung ein. Herstellung und Färbung werden, wie überall im Museum, auf Türkisch und Englisch erklärt. Wir staunen nicht schlecht über die Vielfalt in Muster, Farbgebung, Darstellung und Verwendung.
Nicht nur die kalten Steinböden der Paläste waren mit Teppichen (Kilims) ausgelegt, sondern auch die Häuser einfacher Familien; sie kleideten sogar Nomaden-Jurten aus.






19. Jahrhundert, Alltagsleben in einem Haus in der Region Bursa


Frühes 20. Jahrhundert, Alltagsleben in einem Haus in Istanbul.

Im Weiteren erwartet uns ein wahrer Farben- und Formenrausch bei einer Zeitreise durch die Jahrhunderte der Teppichkunst.











Als uns die Augen langsam übergehen, ist auch das Ende der Ausstellung erreicht. Insgesamt war die Besichtigung sehr informativ und anregend. Der Querschnitt durch die türkischen und islamischen Künste hat nicht nur unseren Horizont erweitert, sondern uns Gelegenheit gegeben, einen verregneten Nachmittag in Istanbul mit der Betrachtung schöner Dinge zu verbringen.
Zum Ausgang hin gelangen wir in das Museumscafé, einen geschmackvoll eingerichteten großen Raum, bei dem man zuerst nicht erkennt, welche der Einrichtungsgegenstände noch zum Museum gehören, welche zur Zubereitung von Kaffee und Tee dienen oder welche zum Verkauf bereit stehen.



Nachdem wir in dem voll besetzten Café ein wenig gewartet haben, beschließen wir, zum Abschluss ein anderes Lokal aufzusuchen. Um die Ecke liegt der Arastar-Basar (hinter der Blauen Moschee), und dort am Eingang befindet sich ein großes Open-Air-Café, dessen Sitzplätze im Außenbereich von Heizstrahlern gewärmt werden. Mit einem heißen Tee kann man es hier gut aushalten.

Am frühen Abend bummeln zurück. In der Nähe des Großen Basars, wo sich früher das ovale Konstantin-Forum befand, steht die gleichnamige Säule, die Konstantin der Große, aus Rom im vierten Jahrhundert an diese Stelle bringen ließ. Früher war sie noch um einiges höher, heute misst sie etwa 35 Meter. Auf ihrer Spitze thronte zunächst eine Bronzestatue mit der Darstellung des Kaisers als Sonnengott, später ein Kreuz.
Diese Säule wird auch Çemberlitaş oder Verbrannte Säule genannt. Die Bezeichnung Çemberlitaş bedeutet soviel wie „Reifensäule“ und spielt auf ihre Erscheinung mit den Metallringen an, die die Säulentrommeln aus Porphyr nach den Zerstörungen durch Erdbeben und Feuer zusammenhalten.


Das Besondere ist ein Hohlraum, den man unter dem Marmorsockel fand. Angeblich sollen hier christliche Symbole aus der Zeitenwende als Reliquien aufbewahrt worden sein, doch der Wahrheitsgehalt solcher Mutmaßungen erscheint uns sehr zweifelhaft.
Obwohl die Säule zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, gibt es dort keinen einzigen schriftlichen Hinweis auf ihren Namen und ihre frühere Bedeutung.

Schließlich schlendern wir zurück in Richtung Hotel. Mittlerweile hat der Regen wieder aufgehört. Plätze und Straßen sind noch nass, und die Temperaturen auch nicht wirklich einladend. Wir freuen uns auf unser letztes Abendessen in der wohligen Wärme des Restaurants „Venezia" im Hotel „Vicenza" in Laleli. Bei einem gediegenen Mahl nehmen wir Abschied. Wir wissen jedoch, dass dies nicht unser letzter Istanbul-Besuch war und freuen uns schon auf das nächste Mal.