1. Nach und in Athen Alle hatten mir zugeraten. Wenn ein europäisches Land geeignet sei für Alleinreisende, dann sei dies Griechenland. Unkompliziert, freundliche, hilfsbereite Einheimische, nichts würde gestohlen, auch Gepäck könne man ohne sich Sorgen zu machen stundenlang unbeaufsichtigt auf dem Dorfplatz stehen lassen. Selbst für als Single reisende Frauen kein Problem! Gerade war eine langjährige Beziehung bei mir zu Ende gegangen, und Ablenkung hatte ich bitter nötig. Ich freute mich also darauf, nach gut 10 Jahren das ferne Hellas wiederzusehen, diesmal nicht im Schulklassenverband auf Abiturfahrt per Akropolis-Express quer durch das kommunistische Jugoslawien und ab Saloniki im obristisch regierten GR weiter per Privatbus, sondern ganz auf mich selbst gestellt, wahlweise mit allen möglichen Verkehrsmitteln. Es war gleichzeitig eine vorübergehende bewusste Abnabelung von Italien, dem ich mich jahrelang zugewandt hatte, wo ich zuletzt als Alleinreisender aber doch ziemlich enttäuscht wurde, im Süden, in Frosinone etwa mir Sprüche anhören musste von der Sorte „Solo uno stronzo viaggia da solo!“ (Nur ein Scheißkerl reist alleine!) – von verständnislosen Barbesuchern geäußert, die da meinten, ich verstünde ihr Italienisch nicht. Es galt also die Schaufenster-Flugangebote der Reisebüros im Univiertel von München zu studieren, und Tageszeitungen. Am Ende war ich umfassend informiert, besser als die Crew bei Travel Overland, die mir zunächst einen der allerletzten Athen-Flüge für über 600.- DM verkaufen wollte, wo ich doch schon längst ein für damalige Herbst-Verhältnisse gutes Kurzfrist-Angebot für nur 395.- Mark hin und zurück im Visier hatte. Davon machte ich dann auch Gebrauch. Abflug nach ATH war damals wohl um den 13. Oktober herum, an einem Nachmittag, nach 15 Uhr. Und es war mein erster Flug überhaupt. Ich hatte mich recht gut vorbereitet, reisebuch- und auch sprachenmäßig. Der Langenscheidt-Sprachführer hatte ganz vorne, vor den einzelnen Kapiteln, damals einen exzellenten, mehrseitigen Einführungsteil zur Aussprache des Neugriechischen, und ich war darin schon fast perfekt. Nur beim „Tee“ haperte es noch, der war für mich ein „tsä“, aber selbst das verstand der erste kluge Grieche, den ich damit konfrontierte, schnell reagierend noch irgendwie und verbesserte mich in Richtung „tsái“, sodass ich fortan zumindest gegen solche Aussprachepeinlichkeiten gefeit war. Von Anfang an liebte ich diesen Kerosinduft, diese unbeschreibliche, abgehobene Airport-Atmosphäre mit all ihrer Hektik und Vorfreude. Genauso wie den Anblick der riesigen alten Flugzeugpötte amerikanischer Fluggesellschaften oder der etwas unförmigen Lockheed-Tristars der LTU, die alle so feinsäuberlich hinter dem Flughafen-Riem-Zaun geparkt waren und die sich aus dem Flughafenbusfenster, wenn man vom Hauptbahnhof herkam, so inniglich bewundern ließen. Etwas mulmig war mir dennoch „beim ersten Mal“. Es war, fast zu meiner Enttäuschung, eine kleine B-737-200. Zwar mit sehr hübscher, dezenter Hapag-Lloyd-Bemalung mit den so geschmackvollen orangenen und dunkelblauen Längsstreifen den ganzen Rumpf entlang, aber eben ein Einstieg in die Charterfliegerei von ganz unten. Gut, es hätte auch ein Caravelle-Veteran der Aero Lloyd mit seinen Dreiecksfenstern sein können, damals noch für weitere JAHRE in Betrieb. Aber genauso auch einer jener neuen großen Airbusse vom Typ A-300, auf die ich später so scharf sein sollte, in all meiner fliegerischen Begeisterung mit permanentem Drang nach einem Fensterplatz (Erfolgsquote: 99,5 %). Das Schicksal wollte es, dass ein nur unwesentlich jüngerer Amerikaner neben mir und meinem Fensterplatz zu sitzen kam, mit dem ich mich gleich ausführlich unterhalten konnte. Oh – your first flight ever? Du wirst sehen, es ist toll! Er selber wollte von Athen aus gleich die Fähre nach dem mir völlig unbekannten „Crete“ nehmen, dort seine Freundin treffen. Damals war gerade ein wesentlich steilerer Abflugwinkel aus Lärmschutzgründen eingeführt worden, und ich staunte nicht schlecht, wie es mich nach dem Aufheulen der beiden Pratt-&-Whitney-Triebwerke (den „Zigarren“) in den Sitz zurückdrückte, noch mehr aber, wie krass steil es dann in die Lüfte hochging und sich etwas tief in meinen Ohren faltete. Die Aussicht auf die südöstlichen und südlichen Stadtviertel Münchens, die grüne Isar mit ihren buschigen Auen, auf die Berge war natürlich unbeschreiblich - ich hatte Tränen in den Augen. Nach gerade 5 Minuten schon über Rosenheim! Und dann der „Schiemsee“/Chiemsee und gar die Festung Hohensalzburg, schon im Ausland gelegen, eben in Salzburg, wo das bereits schneebedeckte Hochgebirge sich auszubreiten begann! Die damalige Standardroute nach Athen: Villach – Zagreb – Sarajevo –Skopje – Thessaloniki – ATH. Der Balkan eher wolkig, aber die Dämmerung über GR Ausblicke gewährend auf ein recht fremdes, karges Land. Schließlich die Millionen von Lichtern der Großstadt unter mir, die angestrahlte Akropolis deutlich auszumachen. Die Schiffe im Piräus und in weitem Umkreis auf Reede vor der Hafeneinfahrt, der riesengroße Hafen. Anflug über Attika von Ost auf den „alten“ Stadtflughafen in Meeresnähe mit seinen zwei weit voneinander getrennt liegenden Abfertigungsterminals. Die erste Landung, das Aufsetzgeräusch, das Poltern der Räder, die hochgefahrenen Landeklappen, die sich für den Gegenschub zweiteilenden, sich auseinanderschiebenden „Zigarren“, die geparkten Flugzeuge der Olympic, teils noch B-707, dann die aus östlicheren, südlicheren Gefilden, nicht nur aus Westeuropa und den USA, auch aus Libyen und Ägypten! Alles so faszinierend für mich. Bei der Passkontrolle konnte ich schon „Kalispéra“ sagen, ragte damit ziemlich aus der Masse der Ankommenden heraus. Gepäckausgabe. Er kam wirklich! - Mein kleiner, zur Kugel aufgeblähter Koffer. Gleich Geld wechseln am Schalter. Das Hasten zur Bushalteinsel vor dem Ankunftsgebäude. Aufdringliche Taxifahrer. Den richtigen Bus erwischen. Der fuhr erst einmal noch auf die andere Flughafenseite, zum Terminal für Inlandsflüge, bevor er kurz vor Piräus tatsächlich auf die hässliche, vielspurige Magistrale Richtung Stadtzentrum einbog. Kein Kleingeld, der arme Schaffner. Ein größerer Drachmen-Schein bei diesem Spottpreis. Viele zahlen so. Die Enge im Bus, zu viele Leute, zu viele Koffer, Taschen. Eine längere Stehpartie. Endlich sind wir am gewaltig großen Syntagma-Platz mit dem schlossartigen beleuchteten Gebäude und den Wachen davor, den „Wohlgegürteten“, angelangt. Was für ein abendlicher Straßenverkehr das war und ist! Sonntags. Unglaublich. München ist ein Dorf. Noch ein Blick auf den Stadtplan, dann los zu Fuß, irgendwie hinüber zum Monastiráki-Platz, wo die Odhós Athinás beginnt, diese faszinierende Innenstadtzerteilerin mit den levantinisch-pittoresken Kleingeschäften, dem Flohmarkt ganz unten, den riesigen, wirklich urigen, höchst interessanten, lebendigen Markthallen weiter oben. Der Weg ist doch weiter als ich gedacht hatte. Der Arm, der den Koffer trägt, tut schon weh. Links eine orthodoxe Kathedrale. Schmale, teils mit Lampenpfosten und Verkehrsschildern oder Bäumchen verstellte Gehsteige – lästig! Leicht bis ziemlich heruntergekommene Straßenzüge. Auch Penner, im Schmutz liegend. Müll. Kioske. Hotelschilder. Autogehupe bis zum Gehtnichtmehr. Die Luft voller Abgase, dennoch das Gefühl von geradezu sommerlicher Wärme, zum Jubilieren. Einfach toll. So ein exotisches Flair! Eine volle Gyros-Taverne, riesige Salatportionen als Beilage auf den Tellern oder eher Schüsseln. Da halten viele Taxifahrer. Endlich das kleine Kirchlein, das „Klösterchen“: Monastiráki mit seiner U-Bahn-Station. Kurzer Blick nach links, da oben muss die Pláka sein, da strömen auch schon die Einheimischen hin, und die Touristen. An der Ecke ein ganz hübsch aussehendes Restaurant. Ich aber wandere blauäugig die Athinás-Straße noch einige hundert Meter hoch, auf der linken Seite. Aufpassen auf die vielen Löcher im Gehsteig. Ein Eingang. GIs (Dschieh-Ais) davor, Marinesoldaten vielmehr. Kurzer Blick auf eine Treppe. Am oberen Ende ragt ein grün seidenbestrumpftes, kokett anbgewinkeltes Frauenbein mit Stöckelschuh zum Treppenabsatz hervor. Nur noch wenige Schritte, da ist das Áttalos-Hotel, wirkt von außen recht unscheinbar und bescheiden. Kleine Theke. Ein Grieche hält die Stellung. Natürlich habe ich nicht vorbestellt. Aber sie haben noch ein Zimmer, und damals war es sogar noch bezahlbar (heute nicht mehr unbedingt …). Frühstück inklusive. Ein recht großes Zimmer, drei Betten drin. Geht zur lärmenden Straße raus. Dusche. Dann essen gehen, Athener Luft schnuppern. Das Essen nehme ich in der netten Taverne gleich am Monastiraki-Platz ein. Vorher und nachher jedoch ausgedehnte Pláka-Spaziergänge. Arbeite mich, vorbei am Turm der Winde und zahllosen gut und mit zunehmender Abendstunde immer besser besuchten Lokalen mit lauter Tischen im Freien durch belebte, später weniger frequentierte und immer enger werdende Gässchen bis zu Füßen der Akropolis hoch. Hier fast schon wieder ein Wohnviertel, es war wohl das der Anafioten (der einst hier exilierten und arbeitenden Inselgriechen von Anáfi). Erinnerungen an jenen kühlen März 1972 drängen sich auf, als wir Schüler uns hier vor einer winzigen Kneipe sitzend mit dem damals noch stark geharzten Retsina ohne es zu merken hoffnungslos betranken und irgendwie zu unserem gesichtslosen Hotel in der Nähe des Omónia-Platzes zurückgelangen mussten. Zu Fuß, natürlich. Nun Kellerlokale. Musik. Sogar eine vegetarische Kneipe. Ich bin lediglich vorbeistreunender Beobachter, ganz glücklich und zufrieden. Na, wenn das hier alles ganz spontan so gut klappt, werd ich mir morgen direkt am Inlandsterminal des Flughafens einen Flugschein besorgen gehen. Soll ja recht preisgünstig sein. Die Stadt seh ich mir am Ende der Reise noch einmal an. Am Morgen gleich in die U-Bahn bis Omónia. Von dort sei es näher zur Abfahrtsstelle des Airport Bus. Es ist viel los um diesen Platz herum. Ein gemütliches Café fällt mir auf, scheint äußerst beliebt zu sein. Musikanten vom Balkan an einer Ecke. Wundervollste Musik auf Holzblasinstrumenten. Herrliche Weisen. 2. Der Inlandsflughafen Der Bus schleicht verstopfte Straßenzüge entlang, vorbei an der Olympic-Zentrale (Leofóros Sýngrou), kommt irgendwann am nationalen Terminal der Olympic Airways an. Ein Hangar, wo Flugzeuge gewartet werden. Auf der anderen Seite des Terminals stehen die Flieger geparkt. So viele kleinere Boeings, doch auch zwei Jumbos. Und ganz urtümliche, kastenförmige Hochdecker namens Shorts - wie gemütlich ihre Starts und Landungen anzusehen sind im Vergleich zum Getös der Großen. Ständig donnern Jets gen Westen. Hinein in die Abflughalle. Auf der Anzeigetafel Unmengen von Inlandsflügen, mit zum Teil ungewohnten Inselbezeichnungen wie z. B. Mitilíni statt Lesbos, oder Kérkira statt Korfu. Mein Blick fängt Menschentrauben ein. Mehrere Kegel, Fächer, Schwemmkegel wie im Hauptdurchgangstal Südtirols, worauf die Dörfer stehen. Wo sind denn nun die Ticket-Schalter? Hinter bzw. vor den „Schwemmkegeln“ sind sie! So ist das also hier. „This is a queue!“, würde ein Brite ausnahmsweise RUFEN, und schon wären die Verhältnisse geklärt, hätte sich ein langer Ein- und Mehrpersonenschweif gebildet, alle schön der Reihe nach, brav hintereinander. Nicht so hier, in der Levante. Es gilt ausgesprochen das Recht der stärksten Ellbogens oder, gar nicht selten, der stärkeren List. Land des Odisséfs, des Odysseus, und von Iraklís, von Herkules. Ausgestreckte Arme, hin zur baldigen Erfüllung weisend, Namenszettel, Papiere, Pässe entgegenstreckend. Rufe, Schreie, Flüche. In der Menge eingezwängte, verzagende, verzagte Touristen. Zu denen geselle ich mich. Es dauert eine Weile. Einmal komme auch ich dran, weil es mir gelingt, den Pass mit meinem Namen drin vor das Schalterfenster herabfallen zu lassen. Da hör ich dann 5 Minuten später meinen Namen, Englisch gefärbt, und jetzt hab ich auch das Recht, mich unweigerlich vorzudrängeln. Ich hab mich schon zu Hause entschieden. „Ena átomo me to epómeno ja Sámo parakaló!“ (Oder hab ich da noch Englisch gesprochen?) Und es ist erstaunlicherweise wirklich kein Problem. Man stellt mir einen Berechtigungsschein aus, offenbar das noch ungültige Ticket für den Samos-Flug mit dem nächsten Jet. Ich müsse damit aber erst zum benachbarten Schwemmkegel gehen! Das sei die Zahlstelle. Uff! Einmal ist auch das geschafft. Mehr als darüber wundere ich mich über den Preis für den ad hoc gebuchten Linienflug. Ich zahle den Gegenwert von etwa DM 50. Kaum zu glauben, die Bücher hatten Recht. So etwa sollte das die kommenden Jahre für die meisten One-way-Inselflüge von ATH aus auch bleiben. So 50 bis 70 Mark bei Spontanbuchung. Nachtflüge billiger. Nun wieder zum anderen „Fächer“, da darf ich aber bereits seitlich vorgehen, denn ich hole nur das endgültige Ticket ab. Tatsächlich halte ich nun einen waschechten OA-Flugschein in der Hand, für meinen zweiten Flug überhaupt, und den auch noch auf eine „exotische“ Insel vor der türkischen Küste. Was für eine Freude! Wer hätte gedacht, dass dasselbe Drängeln später weiterginge? Am Gate. Beim Einsteigen in den Bus zum Flugzeug. Auf der Gangway zum Flieger. Endlich drinnen, galt es noch, die mit steinerner Miene bevorzugt an Fenstern Platz genommen Habenden, dazu jedoch nicht Berechtigten, durch gutes Zureden zu verdrängen. Oft gelang so etwas auf griechischen Inlandsflügen nicht, man wurde mit völliger Missachtung gestraft, die zu Hilfe gerufene Flugbegleiterin zuckte mit den Schultern, und man setzte sich schicksalsergeben irgendwo hin, wie es die anderen auch taten. 3. Der Flug nach Samos Klar, eine OA-Boeing (mit einem dieser Götter oder klassischen Helden als Namenspatron) im Inlandsdienst sah Anfang der Achtzigerjahre, wenn man Pech hatte, auch innen schon etwas schäbiger aus als die höchst ordentlichen deutschen Charterflieger. Verschlissene Bezüge, einige nicht mehr verstellbare Sitze, gelegentlich auch defekte Toiletten. Das gehörte einfach dazu. Wie das übergenaue Erklären des Anlegens der Sitzgurte. Aber die Unfall- und Absturzquote der OA war fast gegen Null. Vorbildlich. Das ist doch auch etwas. Genauso wie das Ritual des einen Getränkes und der anschließenden Bonbon-Verteilung als Bordverpflegung. Bei ganz kurzen Flügen lediglich Bonbonverteilung. Es drückt mich also mit aller Gewalt ein zweites Mal in den Sitz – Fensterplatz! Kaum auszuhalten, dieses neue Erlebnis. Das große Rund des Piräus, voller Schiffe. Auslaufende Fähren. Der Industriehafen außerhalb des Piräus. Ein weiterer Flugplatz, Start- und Landebahn senkrecht zur Küste, wohl militärisch genutzt. Die Meerenge zwischen Salamis und dem Festland. Viele noch im Meer vor Anker liegende Frachter, Tanker. Industrieflächen, Rauch aus Schornsteinen. Die Linkskurve. Ägina und andere saronische Inseln. Ein Stück Peloponnes. Blick nach links über ganz Piräus, den Flughafen und dahinter das Häusermeer von Athína. Versuche mit Hilfe einer Landkarte, unter mir vorbeiziehende Inseln zu orten. Nach etwa einer halben Stunde ein langer, nicht enden wollender Inselrücken neben mir. Das muss Ikaría sein. Das Ziel dicht vor uns: Samos. Es ist kaum mehr auszuhalten, so was Tolles, die Inseln aus der Luft zu sehen, und das Meer, und sich in Ikarus’ Gefilden zu wissen! Wir fliegen an einem riesigen Bergstock vorbei, in der Gipfelregion. Der Kérkis. Trotz Herbst ist bald viel Grün erkennbar. Die ersten landschaftsfüllenden Olivenhaine! Strahlend weiß heraufschimmernde rundliche Dörfer an Hängen und auf Bergeshöh inmitten der Baumpracht. Ich bin vollkommen weg vor Glück. Ein Kloster in einer Senke, der Innenhof gut zu sehen. Dann die Ebene. Randlich Dörfer. Schon sind wir am Aufsetzen, und es gelingt dem Profi perfekt. Er hat die berüchtigt kurze samiotische Landebahn gemeistert. Interflug, einige Tage darauf, sollte es erst beim dritten Versuch gelingen – Westberliner Insassen dieses Fliegers erzählen mir in der Taverne von Votsalákia die Horrorgeschichte vom zweimaligen Durchstarten in letzter Sekunde. Mein Lebtag hatte ich kein so kleines Flughafengebäude gesehen. Richtig niedlich. Am größten noch die hochragenden rot-weiß gestreiften Flutlichtmasten zu beiden Seiten. Gepäck wird von den Wägelchen einfach runtergestellt, zur Selbstbedienung. Oder war damals das einzige Gepäckband schon fertig? 4. Auf Samos Einige wartende Taxis. Ich nehme eines nach Samos-Stadt. Es ist durchaus bezahlbar, nicht so teuer wie bei uns zu Hause. Eine Fahrt durch wunderschöne Landschaft. Ob es über Chóra und Mytilinií ging oder doch über Pythagório? Vieles in meiner Erinnerung vermischt sich aus der Rückschau mit späteren Reisen. Am Hauptplatz, der sich zur Hafenpromenade hin öffnet und der von recht ursprünglichen Läden und Kafenía umstellt ist (- inzwischen alles totverschönert und -erneuert), steige ich aus und begebe mich auf Zimmersuche. Eine wirklich große, ausgedehnte, schöne alte Stadt mit Flair. Ich lande in einer einfachen Unterkunft recht nahe dem Hauptplatz, der Zimmerwirt erinnert mich (im späten Nachhinein) ein wenig an den Alexis Sorbas des Anthony Quinn. Ein ziemlich verschlagener Levantiner allerdings, der sich, als es nach vier oder fünf Tagen ans Zahlen geht, sogar noch an das Frühstücksei vom ersten Morgen erinnert, das er zu berechnen vergessen hatte und nun gesondert auf die Rechnung setzt. Wow! 50 Drachmen mehr sind fällig. Für das junge französische Paar, das schon seit Wochen hier wohnte, und das sich nun ein kleines Häuschen weiter oben in der Stadt in Richtung nördlichem Stadt-Strand gemietet hat, ist die gesonderte Berechnung des Frühstückseis typisch für den Geizkragen von Pensionsbesitzer. Sie laden mich später in ihr Häuschen ein. Ich sollte ihnen dann von München aus die neuesten Sony-Prospekte, bitte mit von mir eigens recherchierten deutschen Preisangaben ( -ich tat es dann wirklich, auszugsweise, klapperte mehrere Elektronikhändler im Bahnhofsviertel ab! -), zuschicken, denn sie lassen sich auf die hier herrschende Händlermentalität ein und wollen mit kleinen Importgeschäften für sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Mein Zimmerwirt hat allerdings auch interessante Geschichten auf Lager. Von der lauernden Türkengefahr etwa, vor der sie neben den vielen hier stationierten Soldaten insbesondere die griechische Luftwaffe wirkungsvoll schütze: in nur 10 - 15 Minuten seien die Kampfjets hier, wenn es darauf ankomme. Später krieg ich von ihm noch den Vourliótes – Manolátes – Wandertipp, der auch in allen Reiseführern zu lesen war. Hab ich bis heute nicht gemacht, steht noch aus. Ich exkursiere per öffentlichen Bussen von hier aus, so weit ich an einem Tag komme - sofern sich eine Rückfahrmöglichkeit bietet. Es geht ins schöne Pythagório, ja sogar bis Iréo, auch zum Heiligtum. Pithagório noch nicht so überherausgeputzt wie heute, ein wirklich interessanter, hübscher Küstenort. Erstmals habe ich von hier aus den Fernblick nach Agathoníssi, ja bis Pátmos. Und natürlich in die so nahe Türkei. Ich mag das kleine Kafenío etwas westlich der bergwärtigen großen Kurve der Ausfallstraße Richtung Flugplatz. Das wirkt noch sehr ursprünglich, innen wie außen. Man sitzt, trinkt, sieht einfach zu, was sich auf der Straße tut, welches Fahrzeug im gegenüberliegenden Verleih verliehen wird, wer kommt und wer geht.
Am Strand neben dem Airport treffe ich Soldaten, die dort Sand buddeln und in ihr Fahrzeug laden. Einer spricht mich auf Deutsch an.
Ein landendes Flugzeug schraubt sich im Korkenziehersystem spiralförmig zur Landebahn herab.
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