Bericht über das Konzert zur Huldigung der Poesie von Konstantínos Kaváfis
am 26.11.2011 im Wiener Konzerthaus


Aus eisiger Kälte eilen wir am Abend in das wohl temperierte Foyer des Wiener Konzerthauses, wo schon großer Andrang herrscht. Mäntel werden zügig abgegeben. Man steht aber nicht noch lange auf einen Schwatz herum, sondern sucht zielstrebig den richtigen Aufgang, um den gebuchten Platz im prunkvollen Großen Saal einzunehmen. Ist da etwa Aufregung zu spüren?
Um uns herum (Reihe 5, Parkett links) sitzen die Besucher bereits mit erwartungsvollen Blicken. Nur wenig Zeit bleibt, die in warmen rot-goldenen Tönen gehaltene Ausstattung des Saales zu bestaunen. Der Blick verweilt auf der Bühne, die gefüllt ist mit mit den Notenständern und Instrumenten der Musiker des Wiener Kammerorchesters.


Von links betreten alsbald die Orchestermusiker die Bühne, begeben sich von Applaus begleitet zu ihren Plätzen. Danach reihen sich die Mitglieder der Wiener Singakademie von rechts kommend hinter dem Orchester auf. Während man sich auf die musikalischen Aktivitäten einstimmt, steht der Erste Geiger auf und gibt den Ton für die anderen Musiker an. Danach kehrt Ruhe ein.



Nun tritt der aus Zypern stammende Dirigent Giórgos Kountoúris auf und gelangt mit wenigen raumgreifenden Schritten zu seinem Pult, auf einem Podest, in der Mitte der Bühne. Sein Orchester für diesen Abend erhebt sich von den Plätzen, während das Publikum ihn mit Beifall willkommen heißt. Nachdem er den ersten Geiger mit Handschlag begrüßt hat, verbeugt er sich vor dem Publikum und beginnt sogleich mit den Vorbereitungen für den musikalischen Auftakt.


Es beginnt die Ouvertüre, eine Variation des Gedichtes „Kerzen“, das zunächst ohne deutsche Übersetzung auskommt. Der Chor singt auf Griechisch, bringt in diesem Stück eine getragene Melodie vor, die in ihrer klanglichen Ausstattung der Kirchenmusik entliehen ist und die Lebensbetrachtung aus dem Blickwinkel eines bewusst alternden Menschen wiedergibt: die Reihe der bereits erloschenen Kerzen des bisher verbrachten Lebens und die weniger werdenden, brennenden Kerzen des künftigen Lebens vor sich.

Das zweite Stück „Alexandria“ ist ein Instrumentalstück, das den Beginn des musikalischen Abends stimmungsvoll weiter untermalt und das vom Publikum eher verhalten wahrgenommen wird. Vielleicht auch, weil man auf Bruno Ganz wartet, der uns doch die griechischen Gedichte auf Deutsch näherbringen soll.
Schnellen Schrittes kommt er nun zu seinem Pult, das rechts neben dem Dirigentenpodest steht. Die dunkle Lesebrille auf der Nase liest er zügig das erste Gedicht „Ithaka“ vor.


Zumindest die erste Hälfte ist so schnell vorbei, dass man kaum folgen konnte. Diese wundervolle Poesie von „Ithaka“, das in unserem deutschsprachigen Raum nicht zuletzt deshalb berühmt geworden ist, weil die Werbeagentur eines Automobilkonzerns sich der ersten Zeilen bedient hat. „Brichst du auf gen Ithaka, so wünsch’ dir eine lange Fahrt...“ Wahrscheinlich ist einer der Werbeleute ebenfalls ein eingefleischter Griechenland- und Kaváfis-Fan!
Durch den für meinen Geschmack etwas überhasteten Beginn des deutschen Vortrags von Bruno Ganz hat man das Gefühl, noch am Anfang zu sein, sich noch einzustimmen. Vielleicht überträgt sich auch die gegenseitige freudige Anspannung ein wenig.
In der zweiten Hälfte dieses dichterischen Werkes haucht der Rezitator ihm jedoch seine Seele ein, und am Ende, als das Gedicht die Pointe erreicht, ist auch er auf der Bühne angekommen.

Nach einem weiteren musikalischen Vortrag betritt eine Solistin die Bühne. Es ist die Santoúri-Spielerin Stélla Valási, deren Instrument schräg hinter dem Pult von Bruno Ganz positioniert ist. So wie die geheimnisvollen Klänge der Santoúri schon Millionen Fans des Films „Aléxis Sórbas“ (er spielt dieses Instrument ja auch im Film) begeistert hat, ebenso ergreifend begleiten die einzelnen Töne den nächsten Gedichtvortrag von Bruno Ganz.
Giórgos Daláras’ Darbietung beginnt erst danach. Auch er betritt die Bühne durch die kleine Tür auf der linken Seite, seinen Blick fixiert auf die Bühnenmitte, und gleitet auf seinen Platz direkt neben dem Pult des Maestros.
Vor seinem ersten gesanglichen Einsatz wird Giórgos ausgiebig gefeiert. Schon einmal haben wir das erlebt, im Frühjahr 2010 bei seiner ENCORE-Tour in Frankfurt. Hier in Wien liebt man ihn ebenfalls sehr. Sicherlich ist es vielen wie mir ergangen: Man hat sich insbesondere auf ihn gefreut. Ohne Daláras wären die einzelnen Positionen auch hervorragend besetzt gewesen, doch seine Anwesenheit macht den Abend zu etwas ganz Besonderem.
Auch die türkischen Besucher in der Reihe hinter uns, die nur teilweise der deutschen Sprache mächtig sind, bekunden ihre Freude über seinen Auftritt mit Rufen und lautem Beifall.

Die Vertonung der meisten Gedichte klingt – den Inhalten entsprechend – häufig dramatisch. Und Daláras kann an diesem Abend sein ganzes sängerisches Können zeigen.


Als Solist im Vordergrund beherrscht er auch im Einklang mit Chor und Orchester sein stimmliches Repertoire. Für ihn muss es eine besondere Herausforderung gewesen sein, denn die Intonierung der Gedichte weicht vollkommen von dem ab, was er in anderen Konzerten darbringt.
Einzig den Dirigenten braucht er für seine Einsätze. Der Rest ist gut einstudiert und mit gewohnt kräftiger und einfühlsamer Stimme singt er auch mit den Fortissimo-Passagen von Chor und Orchester.

Während der Gesangsvorträge schaut Bruno Ganz, der zwischenzeitlich auf einem Hocker Platz genommen hat, den Sänger voller Bewunderung immer wieder an, freut sich offensichtlich, den Gedichten Kaváfis’ in der deutschen Übersetzung die besondere Note zu geben. Sein Vortrag ist ergreifend, pointiert, auch belustigt („Auf die Barbaren wartend“) oder zögerlich und nachdenklich.
Im Gesangsvortrag von Daláras empfindet er die Gedichte nochmals nach, schwingt im Oberkörper zur Musik mit, ist innerlich dabei. Sein stummer Vortrag, bei dem sein Gesicht die volle Hingabe widerspiegelt, ist neben seiner Rezitation ein voller Genuss für das Publikum.

Gegen Ende der ersten Konzerthälfte wird das musikalische Spektakel durch jazzige Töne komplettiert. Jon Sass (Tuba) und Joscho Stephan (Gitarre) nehmen vorne vor dem Solistenpult von Daláras Platz.


Bruno Ganz’ Gedichtvortrag „So sehr du vermagst“ wird dieses Mal von den Klängen der Tuba untermalt, die stellenweise ein klein wenig vorlaut ist. Die anschließende Vertonung ist dann gänzlich auf die Performance der beiden Solisten ausgerichtet, was – für mein Empfinden – einen Bruch im klassischen Gesamtgefüge darstellt.
Allerdings sind sowohl Tubaspieler als auch Gitarrist Ausnahmekönner an ihren Instrumenten. Was die beiden musikalisch auf die Beine stellen, ist allererste Klasse und begeistert die Anwesenden in hohem Maße. Entsprechend ist auch der tosende Applaus, der am Ende alle Künstler von der Bühne in die Pause begleitet.

Als sehr unterhaltsam habe ich das Konzert bis dahin erlebt. Musiker kamen und gingen von der Bühne, verschiedene musikalische Stilrichtungen gab es zu bestaunen und den jungen Chor der Wiener Singakademie, dessen Klangkörper die Gedichte auf Griechisch hervorragend intonierte ebenso wie die Musiker des Wiener Kammerorchesters.

Nicht lange dauert die Auszeit. Schnell nimmt das Publikum wieder Platz, schon gespannt auf den zweiten Durchgang. Zwar sind wir nun im Besitz eines Programmheftes, allerdings verschwindet es in der Tasche, denn gleich zieht uns die musikalische Darbietung wieder in ihren Bann. Insgesamt empfinde ich das, was nun folgt, als sehr harmonisch durch die wohl durchdachte Anordnung der folgenden Gedichte und die Steigerung der Musiker, die alle zusammen das Werk in seiner Komplexität zu wahrhaftiger Größe führen.

Es beginnt, wie auch am Anfang, mit zwei klassischen Instrumentalstücken ohne Solisten, gefolgt vom deutschen Sprechvortrag zu „Kehr zurück“ und seiner anschließenden musikalischen Interpretation.
Ich denke zwischendurch an den Komponisten Aléxandros Karózas, der bisher optisch noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wie aufgekratzt muss er hinter der Bühne sein bei dieser Uraufführung. Er kann jetzt nicht mehr eingreifen, die Dinge haben ihren Lauf genommen, und die Lorbeeren gehören zunächst den Menschen auf der Bühne. Wie konnte er ahnen (aber sicherlich doch hoffen), dass das Publikum derart begeistert reagieren würde und mit zunehmender Dauer des Konzertes immer stürmischer applaudiert.

Vielleicht liegt es auch am Gesangsvortrag von „Tíchi“ (Wände) und „Fonés“ (Stimmen) von Giórgos Daláras, diesen eher harmonischen und getragenen Stücken, wobei letzteres sich stimmlich von einem leisen Anfang stetig steigert und am Ende alle Power des Gesangskünstlers fordert und in tosenden Beifall und Bravorufen mündet. Eben bei diesen beiden Stücken hat er es wieder geschafft, mein Innerstes anzurühren. Verzückt und mit geschlossenen Augen lasse ich die stimmliche Seelenberührung zu... anderen ist es ähnlich ergangen, wie man danach den lange anhaltenden Beifallsbekundungen, lauten Zwischenrufen und Standing Ovations entnehmen kann.
Daláras freut sich, verhalten oder vielleicht auch einfach nur bescheiden. Er ist kein Performer großer Gesten, und das wiederum macht ihn so sympathisch.
Zwischenzeitlich hat sich Bruno Ganz zu einem weiteren Gedichtbeitrag hingestellt, als eine Frau in den vorderen Reihen „Jássou Bruno!“ ruft, was zu allgemeiner Heiterkeit im Saal und bei Bruno Ganz selbst führt und den Fokus nun wieder auf den Rezitator richtet.

„Die Stadt“ führt dem vor sich selbst Fliehenden vor Augen, dass das eigene Leben einem folgt, wohin man auch geht und der Glaube, an einem anderen Ort ein besseres Leben zu finden, letztendlich ein Selbstbetrug ist. Doch Gedichte sind dazu da, die eigene Interpretation zu finden, und so mag ein anderer zu ganz unterschiedlichen Gefühlen und Gedanken kommen.

Wie stellt man Einsamkeit musikalisch dar? Vielleicht mit einer Passage, in der mit Pauken und allen Streichern ein lautes inneres Schreien der Verzweiflung den Zuhörer aufwühlt. Ein Giórgos Daláras versteht es, innerhalb von zwei anspruchsvollen Takten von einem dramatischen Forte zu einer fröhlichen Gelassenheit überzuschwenken, dass man als Zuhörer nur so staunen kann.

Ich ahne es schon beim deutschen Gedichtvortrag von „Gott habe Antonius verlassen“, dass das Konzert sich leider dem Ende zuneigt, als es heißt: „... nähere dich in Festigkeit dem Fenster und höre mit Bewegung, aber nicht mit Gebettel und Gejammer, zur letzten heiteren Zerstreuung diesen Klängen zu, dem trefflichen Orchester der geheimnisvollen Prozession.“
Und so wie Alexandria in Kavafis’ Vergangenheit entschwindet, so verebbt schließlich auch die Musik. Das Konzert ist zu Ende und das Publikum lässt seinen aufrichtig freudigen und begeisterten Gefühlen freien Lauf, springt auf und feiert alle Künstler in gebührendem Maße.

Endlich kommt auch Aléxandros Karózas auf die Bühne, der Meister, der die dargebrachten Gedichte musikalisch so trefflich umgesetzt hat. Es ehrt ihn in besonderem Maße, dass er zuallererst die Künstler feiert und hochleben lässt, die sein Werk auf fantastische Weise umgesetzt haben, sich vor ihnen verbeugt. Alle Solisten bittet er auf das Podium des Dirigenten, der sich vorübergehend eine Etage tiefer eingereiht hat:
die Santoúri-Spielerin Stélla Valási, deren Part ruhig noch großzügiger hätte bemessen sein können;
den in jeglicher Hinsicht herausragende Tubaspieler Jon Sass, der sich etwas ziert, mit seiner Körperhöhe noch zusätzlich auf das Podium zu steigen;
den Ausnahmekönner an der Gitarre, Joscho Stephan, der ebenfalls mit Beifall überschüttet wird;
Bruno Ganz, der sich immer noch ungemein freut und vom Publikum gefeiert wird, der Giórgos Daláras am Ende herzlich umarmt. Unvergesslich der treffliche Gedichtvortrag des Iffland-Ring-Trägers, der uns einige von Kavafis’ Werken in deutscher Sprache nahe gebracht hat;
den großen Giórgos Daláras, dessen Applaus kaum enden will und der es einmal mehr verstand, mit seiner Interpretation sehr schwieriger Passagen die Seele der Zuhörer zu berühren und mit seiner Stimme Gedichte und Musik zu einem großen Ganzen zu verschmelzen.

Erst dann lässt sich auch der sichtlich über die gelungene Premiere erfreute Aléxandros Karózas auf das Podium bitten, aber mit Giórgos Daláras zusammen.
Dank seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der Poesie von Kaváfis ist dem Komponisten ein Werk mit einer eindrucksvollen klanglichen Fülle gelungen, das uns mit der begeisternden Besetzung der Uraufführung diesen unvergesslichen Abend beschert hat.


Noch während er Giórgos Daláras umarmt, winkt er den Dirigenten Giórgos Kountoúris zum Podest, dessen zurückhaltender Professionalität es nicht zuletzt zu verdanken ist, dass die verschiedenen Passagen des Konzertes zu einem wahrlich meisterhaften Gesamtwerk geformt wurden.

Schließlich soll es doch noch eine Zugabe geben, die dem Wiener Kammerorchester und der Wiener Singakademie gewidmet ist und nicht zuletzt der Stadt Wien, denn es ist ein Walzer (ein Teil des zuletzt dargebrachten Gedichtes), den man spielt, und am Ende nochmals Giórgos Daláras, der mit einer kurzen Sangeseinlage den musikalischen Teil des Abends beschließt, während das Autogramm von Konstantínos Kaváfis über alle Köpfe hinweg auf einen Balkon über der Bühne projiziert wird. Ohne seine Dichtkunst vor einhundert Jahren hätte es diese Veranstaltung nicht gegeben.


Jetzt ist es an der Zeit, die Menschen loszulassen, an deren Kunst wir einen Abend lang teilhaben durften. Es fällt schwer, wieder in die reale Welt draußen vor der Tür einzutauchen. Doch die Lichterwelt des geschmückten Wien und die Behaglichkeit unseres Hotels lassen uns in der Hotelbar noch bis tief in die Nacht hinein philosophieren, über Dichtkunst und klassische Musik, über kleinasiatische Wurzeln und deutsche Realität, über die Philosophie selbst und über unsere musikalischen Erlebnisse.

Am Ende bringen wir einen letzten Toast aus: Ein Hoch auf den wundervollen und inspirierenden Abend! Die weite Reise über ein kurzes Wochenende ins vorweihnachtliche Wien mit dem Höhepunkt der Darbietung des Kaváfis-Projektes haben wir in vollen Zügen genossen. Dieses Erlebnis wird uns unvergesslich bleiben!


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